Quarter-Life-Crisis, Midlife-Crisis und mehr. Die schlechte Nachricht: Krisen werdet ihr eurer ganzes Leben lang haben. Die gute News: Ihr könnt daran wachsen.

Das Klischee ist ja: Wenn man merkt, das halbe Leben ist vorbei, kommt plötzlich die Krise. Man fragt sich: Wo stehe ich eigentlich? War's das schon? Bin ich zufrieden? Und dann gibt's 'ne neue Frisur, ein teures Auto, eine*n neue*n Partner*in... you name it. Und das Umfeld hat direkt die Diagnose parat: Na klar, Midlife-Crisis!

Allerdings: Solche Krisen tauchen – wenig überraschend – auch früher auf. Und das sickert gerade mehr und mehr ins öffentliche Bewusstsein. Immer häufiger liest man derzeit von der Quarter-Life-Crisis.

Quarter-Life-Crisis gibt's wirklich

Das ist nicht nur Hype, die gibt es tatsächlich, sagt Bastian Willenborg. Sie wird durch Tiktok, Insta und Co. gerade nur sichtbarer – das zeigen auch Untersuchungen und Studien, sagt der Psychiater und Psychotherapeut.

Die Lebensphase zwischen dem 18. und dem 30. Lebensjahr ist mit vermehrten Krisen assoziiert, erklärt er. In dieser Phase müssen wir uns typischerweise für wichtige Dinge entscheiden. Die große Frage vor allem: In welche Richtung möchte ich im Leben gehen?

Das ist mit viel Unsicherheit und vielen Identitätsfragen verbunden, beschreibt Bastian. Zum Beispiel: Wo gehöre ich eigentlich hin? Wo will ich hin? Stecke ich fest? Was sollte ich vielleicht schon gemacht haben? Was nicht? Diese grundsätzlichen Fragen können dann eben auch zu einer Krise führen.

Jüngere leiden unter unsicherer Zukunft

Dass die Midlife-Crisis uns präsenter ist, liegt vermutlich daran, dass sie länger bekannt ist und es dazu schon viel mehr wissenschaftliche Untersuchungen gibt, erklärt Bastian Willenborg. Die Quarter-Life-Crisis hingegen ist erst viel später in den Fokus auch der Forschung gerückt.

Das hat auch etwas mit den veränderten Lebensbedingungen zu tun, mit denen Menschen in dieser Altersgruppe in der Gegenwart konfrontiert sind. Die jüngeren Generationen heute haben eine unsichere Zukunft, so der Psychiater und Psychotherapeut, weil unklar ist, was mit der Arbeitswelt passiert, wie sich die politischen Verhältnisse entwickeln, wie sich die Umwelt verändert und mehr. Dafür ist die Awareness gestiegen, glaubt er.

"Da sind viele Dinge, über die ich mir, als ich 20 war, nicht viele Gedanken gemacht habe. Und ich glaube, heute ist das anders."
Bastian Willenborg, Psychiater und Psychotherapeut

Während in einer Midlife-Crisis, die übrigens Männer und Frauen gleich häufig betrifft, eher Bilanz gezogen wird und möglicherweise die ersten Erfahrungen mit dem körperlichen Altern verarbeitet werden müssen, dreht sich die Quarter-Life-Crisis also eher um eine unsichere Zukunft.

Krisen sind ein Risiko für die psychische Gesundheit

Ob aber nun Midlife- oder Quarter-Life-Crisis: Krisen sind ein Risikofaktor für psychische Erkrankungen, warnt Bastian. Wer etwa über die Fragen grübelt, ob KI bald den Job abschafft, in dem man gerade eine Ausbildung macht, oder ob man Kinder in diese Welt setzen will, kann darüber leicht etwa eine Schlafstörung entwickeln. Und das wiederum erhöht das Risiko für zum Beispiel Depression oder Angsterkrankungen. Das merke er auch in seiner Praxis.

"Solange wir leben, gehören Krisen einfach dazu."
Bastian Willenborg, Psychiater und Psychotherapeut

Er findet es gut, Krisen auch offen zu benennen und sich klarzumachen, dass man sie auch bewältigen kann. Eine Krise sei ja nichts Außergewöhnliches, sondern ganz typisch für diese Lebensphase. Die Frage sei nur: Wie ausgeprägt ist sie? Kann ich sie bewältigen? Welche Ressourcen habe ich? Und wie resilient bin ich?

"Ich bin eher dafür, eine Krise auch als Krise zu benennen und das als Auftrag zu sehen: Jetzt kriege ich diese Krise auch bewältigt!"
Bastian Willenborg, Psychiater und Psychotherapeut

In seiner Praxis erlebt Bastian Willenborg oft den schönen Moment, in dem er feststellt, dass seine Patient*innen ihre Krise überwunden haben. Manchmal merken sie das selbst gar nicht direkt, erzählt er, weil Veränderungen in der Psychotherapie über eine lange Zeitspanne stattfinden.

Sich die eigenen Coping-Erfolge bewusst machen

Deshalb regt er seine Patient*innen oft dazu an, in den Rückspiegel zu schauen und sich zu fragen: Wie habe ich mich vor einem Dreivierteljahr gefühlt? Und wie fühle ich mich jetzt? Dann merken sie, dass sie es geschafft haben, erzählt Bastian, dass sie wieder am Leben teilhaben und wieder viel mehr genießen können. Und gleichzeitig machen sie die Erfahrung: Ich kann Krisenbewältigung!

"Ich rate vielen Menschen, sich klarzumachen: Was habe ich eigentlich schon alles bewältigt?"
Bastian Willenborg, Psychiater und Psychotherapeut

Gut, wer das weiß! Denn Krisen – sorry to say – hören nicht mit der Halbzeit auf. Solange wir leben, wird es welche geben, sagt er. "Man ist nicht irgendwann durch mit Krisen. Man kann nicht sagen: So, jetzt habe ich irgendwie 55 geschafft, Midlife-Crisis vorbei und jetzt kommt nichts mehr."

"Natürlich gehören Krisen bis zum Ende leider zum Leben dazu. Oder vielleicht auch: Gott sei Dank! Weil wir bis zum Ende erleben können: Ich kann mit Krisen gut umgehen."
Bastian Willenborg, Psychiater und Psychotherapeut

Krisen hundertprozentig zu vermeiden, das geht nicht. Aber den Umgang damit zu lernen, sich selbst dafür Credits zu geben und daran zu wachsen, das geht!

Dieses Thema belastet dich? Du steckst selbst in einer Krise und hast das Gefühl, sie nicht bewältigen zu können? Hier findest Du Informationen und Hilfsangebote bei psychischen und anderen Problemen.

Shownotes
Quarter-Life-Crisis und Co.
An den Krisen in unserem Leben wachsen
vom 12. Juli 2026
Moderation: 
Nik Potthoff
Gesprächspartner: 
Bastian Willenborg, Psychiater und Psychotherapeut