Nora wusste schon lange, dass ihre beste Freundin Surya zurück nach Auroville wollte, eine internationale Modellstadt in Indien, wo Surya geboren ist. Dass dann alles so schnell ging, hätte sie nicht gedacht. Jetzt hat Nora die Freundin in ihrem neuen Leben besucht.

Ein Ort ohne Politik, Religion und Besitz, ein Ort, an dem es nicht darauf ankommt, aus welchem Land du kommst, welche Hautfarbe du hast oder welchen sozialen Hintergrund. Es hört sich utopisch an, aber genau so einen Ort gibt es - und dieser Ort heißt Auroville. Auroville ist ein Stadtprojekt in Südindien, etwa drei Autostunden südlich von der Stadt Chennai. Der Ort existiert seit fast 50 Jahren. Heute leben hier ungefähr zweieinhalbtausend Menschen aus aller Welt. Ein „Labor der Zukunft“ wird Auroville oft genannt, ein "Gesellschaftsexperiment" oder eine "Stadtutopie". Für Surya ist Auroville vor allem eines: Heimat.

"Ich wusste schon lange, dass Surya zurück nach Auroville wollte. Aber dass sie es dann so plötzlich durchzieht, hätte ich nicht gedacht."
Nora Große Harmann, Journalistin

Nora erinnert sich noch gut an den Tag, als sie mit Surya skypt und ihre längste und engste Freundin erzählt, dass sie schwanger ist. Mit dem zweiten ungeplanten Kind. Und dass sie jetzt nach Auroville zurückgehen wird. Surya ist das Kind deutscher Eltern, geboren in der südindischen Aussteiger-Siedlung Auroville. Jetzt ist Surya zusammen mit ihrem Freund Nils, dem Baby und dem kleinen Sohn wieder in das Haus gezogen, in dem sie aufgewachsen ist. Ihre Eltern haben es kurz nach ihrer Geburt gebaut.

Nora, Surya, Nils und das Baby.
© Nora Große Harmann
Nora Große Harmann hat ihre Freundin Surya in Auroville besucht. Sie lebt hier mit ihrem Freund und zwei Kindern.
"Ich kann heute nicht mehr sagen, was mich in dem Moment am meisten schockiert hat. Die Tatsache, dass sie schwanger war, mit dem zweiten Kind, ungeplant; dass sie nach Indien ziehen würde oder beides zusammen."
Nora Große Harmann, Journalistin

Surya bringt in Indien ihr zweites Kind auf die Welt. Als Nora sie drei Monate später besucht, sagt sie: "Siehst du, hat doch alles geklappt. Du musst einfach ein bisschen mehr vertrauen, Nora." In diesem Moment beginnt Nora zu verstehen, dass dieses Urvertrauen, das Surya in sich trägt, etwas mit Auroville zu tun hat. Ein Urvertrauen, das Nora aus Deutschland nicht kennt. Wenn du an einem Ort aufwächst, wo du total frei bist und sich halt nicht alle Risiken abwägen lassen, dann lernst du, zu vertrauen, gelassen zu sein. Dann fühlst du dich in einer Welt wie Deutschland, in der immer alles geplant und durchorganisiert ist, eingeschlossen. Und dann gehst du irgendwann wieder zurück.

"Wenn du an einem Ort aufwächst, wo du total frei bist und sich nicht alle Risiken abwägen lassen, dann lernst du, zu vertrauen. Dann fühlst du dich in einer Welt wie Deutschland, in der immer alles geplant und durchorganisiert ist, eingeschlossen."
Nora Große Harmann, Journalistin
Nora, Surya, Nils und das Baby.
© Nora Große Harmann
Auroville ist eine Stadtutopie, geplant für 50.000 Menschen - heute leben dort etwa 2000 Menschen aus 45 Nationen zusammen.