"Postfaktisch" ist Internationales Wort des Jahres. Das ist wirklich wahr.

Neologismen schaffen es binnen kürzester Zeit öffentliche Debatten herauszubilden. Die Adjektive "post-truth" und die deutsche Übersetzung "postfaktisch" zum Beispiel. Sie meinen, dass etwas, das lange galt, nun der Vergangenheit angehören soll - nämlich Wahrheit und Fakten.

Die Oxford Dictionaries haben heute das Wort "post-truth" zum internationalen Wort des Jahres gekürt. Es beschreibt eine politische Haltung, bei der das Gefühl oder die Stimmung mehr zählen als das, was offenkundig "wahr" ist. Die Jury begründet es damit, dass der Begriff "post-truth" in diesem Jahr 2000 Prozent öfter gebraucht worden ist, als im vergangenen Jahr - besonders im Zusammenhang mit der Brexit Kampagne und dem US-Präsidentschaftswahlkampf.

Fakten waren gestern

Im Deutschen tauchte dieses Jahr parallel das Wort "postfaktisch" auf. Es suggeriert etwas Ähnliches, nur das es die bekanntlich nicht leicht zu bestimmende "Wahrheit" durch "Fakten" ersetzt. Bundeskanzlerin Merkel griff den Begriff im September auf, als sie das schlechte Abschneiden der CDU bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin kommentierte:

"Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Und das Gefühl einiger geht so: Ich triebe unser Land in die Überfremdung. Deutschland sei bald nicht mehr wiederzuerkennen. Und nun wäre es unlogisch dies mit Fakten zu kontern, auch wenn ich sofort in der Lage wäre das herunterzubeten."
Bundeskanzlerin Angela Merkel

Angela Merkel spielte dabei auf die Verwendung des Begriffs in einem Spiegel-Artikel an, in dem es heißt, wir befänden uns in einer postfaktischen Ära, in der das Gerücht, die Spekulation und die Verschwörungstheorie, das angebliche Faktum ablöse, um die eigene Paranoia zu bestätigen.

Nach Angela Merkel nahm auch Satiriker Jan Böhmermann den Begriff "postfaktisch" auf. Er stellte in seiner Show Neo Magazin Royal klar: "postfaktisch" sei das neue Wort für "bisschen doof".

Blogger und Autor Sascha Lobo sprach übrigens schon zum amerikanischen Wahlkampf 2012 von der "wahrheitsunabhängigen Politik". Er kam damals zu dem Schluss, dass der Kern des Problems sei "das mediale Verschwimmen von Meinung und Tatsachen und ihre gleichberechtigte Behandlung". Das würde dazu führen, dass die Wahrheit wie eine Meinung angesehen würde.