Der Umgang mit queeren Menschen fällt vielen Religionsgemeinschaften schwer. Oft wird im Zusammenhang mit Gender eine Antwort auf die Frage gesucht, welche Menschen der jeweilige Gott als erstes erschaffen habe. Im Judentum etwa gibt es bis heute darüber keine Einigkeit, berichtet die Religionswissenschaftlerin Charlotte Fonrobert in ihrem Vortrag.

Die Religionswissenschaftlerin Charlotte Fonrobert erzählt zum Beispiel von der Sha'ar-Zahav-Synagoge in San Francisco: Hier treffen sich regelmäßig Menschen der LGBTQI-Community. Ähnliche Zusammenkünfte gibt es auch in der Neuen Synagoge Berlin in Berlin-Mitte. Das sind eher Ausnahmen - In der Regel sehen konservative Gläubige nicht gern, wenn sich ihre religiöse Gemeinschaft auf diese Weise für neue Mitglieder öffnet.

Orthodoxes Judentum: Es gibt nur zwei Geschlechter

Orthodoxe jüdische Gelehrte verweisen beispielsweise auf das geltende Religionsgesetz, nach dem es nur zwei Geschlechter gibt – eben Mann und Frau. Doch war das keineswegs immer so. Denn in antiken Schriften wird der erste Mensch ganz anders beschrieben.

"Es gibt Texte, in denen er Männern ähnelt oder Frauen, oder in denen er sowohl Männern als auch Frauen ähnelt, oder in denen er weder Frauen noch Männern ähnelt."
Charlotte Fonrobert, Religionswissenschaftlerin

Im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung habe es ein erstaunlich kreatives Denken über die Frage gegeben, wie der erste Mensch biologisch geformt war, sagt die Religionswissenschaftlerin in ihrem Vortrag. In der Spätantike sei vielfach vom "Androgynos" die Rede gewesen. Adam wurde demnach als Mensch mit weiblichen und männlichen Merkmalen interpretiert.

Ein Mensch, der gleichzeitig weiblich und männlich ist

Die Grundlage dafür war Genesis 5, Vers 2 in der Hebräischen Bibel, wonach Gott den Menschen gleichzeitig als männlich und weiblich erschaffen habe. Im Mittelalter jedoch ist diese Lesart recht schnell verloren gegangen, und jüdische Gelehrte befassten sich in der Folge nur noch mit den Geschlechterdefinitionen von Mann und Frau, so die Religionswissenschaftlerin.

Charlotte Fonrobert schildert in ihrem Vortrag ausführlich das Dilemma, in dem sich Liberale und Orthodoxe bis heute befinden und in dem es nach wie vor keine abschließende Lösung gibt.

Charlotte Fonrobert ist Religionswissenschaftlerin an der Stanford University im kalifornischen San Francisco. Sie hat sich auf talmudische Kultur und Literatur spezialisiert. Im Kern befasst sie sich dabei mit Genderfragen der jüdischen Religionslehre. Ihr Vortrag wurde im Rahmen der Theologischen Tage der Theologische Fakultät der Universität Halle-Wittenberg aufgezeichnet, die am 15. und 16. Januar 2020 unter dem Titel "Fluides Geschlecht" stattgefunden hat. Bei der Konferenz ging es um bibelwissenschaftliche Perspektiven auf Homosexualität, Transsexualität und Jungfrauenschaft.

Ein weiterer Hörsaal zu einem verwandten Thema lief am Ostersamstag: "Genderfragen bei der Bibelauslegung - Theologen zweifeln: Adam und Eva waren nicht zwingend Mann und Frau"