Innerhalb weniger Tage wurde der Journalist Richard Gutjahr 2016 Zeuge zweier Attentate. Zufällig. Verschwörungstheoretiker halten ihn aber für das Mitglied einer Weltverschwörung und drohen ihm in den Sozialen Netzwerken. Gutjahr wehrt sich.

  • Im Sommer 2016 war der deutsche Journalist Richard Gutjahr mit seiner Familie in Nizza im Urlaub, als ein islamistischer Attentäter mit einem Lastwagen in die Menschenmenge auf der Strandpromenade raste. 
  • Nur acht Tage später befand er sich – ebenfalls rein zufällig – in der Nähe des Olympia-Einkaufszentrums in München, als ein Amokläufer dort neun Menschen erschoss.  Über beide Vorfälle berichtete Richard Gutjahr damals unter anderem für die ARD. 

Für Gutjahr hatten diese Zufälle allerdings schlimme Folgen.

"Richard Gutjahrs letzte 18 Monate als Hölle zu beschreiben, finde ich nicht übertrieben."
Martina Schulte, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporterin

Truther hetzen gegen Gutjahr

Verschwörungstheoretiker, sogenannte "Truther", glauben, dass Gutjahrs Anwesenheit in Nizza und München eben kein Zufall war, sondern dass der Journalist Teil einer Weltverschwörung sei: Sie sagen, Attentate wie diese werden weltweit von geheimen Gruppen inszeniert, mit dem Ziel einer "New World Order".

  • Unter der Überschrift "Unter Beschuss" berichtet Gutjahr in seinem Blogbeitrag, wie es sich anfühlt, zur Zielscheibe von Social-Media-Hetze zu werden. 
  • Seit 18 Monaten erhält er über Youtube, Twitter und Facebook-Drohungen, die bis zum Mordaufruf gehen.
  • Allein auf Youtube gibt es fast 800 Hass- und Verschwörungsvideos über ihn und seine Familie - auf Deutsch, Spanisch und Englisch.
  • Darin heißt es, Gutjahr und seine Frau, eine Ex-Abgeordnete des israelischen Parlaments, seien in Wahrheit Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad.
  • In den Videos werden auch Fotos seiner Tochter gezeigt - auch sie wird beschimpft und bedroht.

Beim Tedx-Talk in Marrakesch hat Richard Gutjahr im Januar seine Geschichte erzählt:

Externer Inhalt

Hier geht es zu einem externen Inhalt eines Anbieters wie Twitter, Facebook, Instagram o.ä. Wenn Ihr diesen Inhalt ladet, werden personenbezogene Daten an diese Plattform und eventuell weitere Dritte übertragen. Mehr Informationen findet Ihr in unseren Datenschutzbestimmungen.

"9/11 war ein Fake."

Die sogenannten "Truther" kann man sich vorstellen wie Trolle, sagt Martina Schulte: Trolle, die Juden hassen oder glauben, 9/11 hätte es nie gegeben.  

  • Teilweise glauben die User, die solche Videos posten, selbst an die von ihnen proklamierten Verschwörungstheorien.
  • Teilweise wollen sie einfach nur eine maximale Social-Media-Aufmerksamkeit: In seinem Post schreibt Gutjahr, einige hätten "aus ihrer Hetze ein Geschäftsmodell entwickelt. So beziehen sie beispielsweise Werbegelder über YouTube." 

Youtube verschickt Gutjahrs Privatadresse

Gutjahr hat zunächst versucht, die Verschwörungstheoretiker und deren Mitläufer zu ignorieren. Aufgrund der Masse an Inhalten war das aber nicht möglich - denn hunderttausende Mitläufer liken, sharen und verbreiten diese Inhalte, "eine richtige kleine Armee", sagt Martina Schulte.

Der Journalist hat versucht, die verleumdenden Posts bei den sozialen Netzwerken zu melden, um die Videos sperren zu lassen – auch das ohne Erfolg: Bei Youtube wurden die Video-Macher stattdessen informiert, dass sie gemeldet wurden. Und schlimmer noch:

"Einigen Autoren schickte Google sogar Gutjahrs Mail- und Wohnadresse zu - die Parteien sollten sich doch bitte untereinander einigen. Diese privaten Kontaktdaten landeten dann wieder in neuen Truther-Videos. Ein absoluter Albtraum."
Martina Schulte, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporterin

Rufmord und Bedrohungen

Der fortlaufende Shitstorm ging natürlich nicht spurlos an Gutjahr vorüber: Zeitweise litt er unter Depressionen und musste sich Hilfe bei einem Therapeuten suchen. Heute kämpft er zusammen mit seinem Anwalt Markus Kompa gegen die Anführer der Truther-Armee im Netz. Das ist aber leider wenig aussichtsreich, meint Martina Schulte: 

"Ein Familienvater aus Berlin Weißensee, der Gutjahrs Tochter öffentlich auf Facebook mit dem Foto einer Gewehrpatrone bedroht hatte, bekam gerade mal 281 Euro Strafe aufgebrummt."
Martina Schulte, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporterin

In seinen Blog gibt Gutjahr Opfern von Netzmobs Tipps, wie sie sich verhalten können. Das neue Netzwerkdurchsuchungsgesetz findet Gutjahr in diesem Zusammenhang übrigens wenig hilfreich. Er schreibt: "Im Netz wird geltendes Recht einfach nicht schnell und konsequent genug angewandt. Bei meiner Odyssee durch die Institutionen hatte ich oft den Eindruck, jedes Knöllchen wird schärfer verfolgt als der gezielte Rufmord einer Person."

Mehr zum Thema: