Wer durch die Gassen und über die Brücken von Venedig schlendert, kann regelrecht den Geist von vergangenen Zeiten spüren. Forschende haben jetzt bei einer Unterwasserexkursion mehr über diese Zeiten herausgefunden und festgestellt: Venedig ist älter als geglaubt.

Bisher hat die Wissenschaft angenommen, dass erste dauerhafte Siedlungen erst im 5. Jahrhundert nach Christus gegründet wurden – und zwar nicht von den Römern, sondern von den Bewohnern des Festlandes, den Venezianern. Diese Menschen sind wohl vor einer Invasion der Westgoten vom Festland auf die Inseln geflohen, die heute Venedig bilden. Denn die Stadt ist bis heute auf Sandinseln gebaut, die sich durch Gesteins- und Sandablagerungen in der Lagune gebildet hatten.

Bevor die Venetianer die Inseln betraten, soll es weitgehend wild auf ihnen gewesen sein – so die Theorie bis jetzt. Ein Archäologieteam vom Meeresforschungsinstitut Vendedig hat nun allerdings bei einer Unterwasserexkursion eine Straße und eine Hafenanlage gefunden, die darauf hindeuten, dass doch die Römer Venedig gegründet haben und die Stadt demnach älter sein muss als bisher gedacht.

"Es sieht jetzt eher danach aus, als hätten doch die Römer Venedig gegründet und damit wäre die Stadt auch älter als bisher angenommen."
Meike Rosenplänter, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Steinblocksysteme der Römer

Dafür haben die Forschenden den nördlichen Teil der Lagune mit einem hochauflösenden Sonar abgesucht und den Treporti-Kanal, einer der nördlichen Kanäle zwischen der Stadt und der vorgelagerten Landzunge, systematisch abgetaucht. Zur römischen Zeit muss der gefundene Kanal nur teilweise überflutet gewesen sein, da der Meeresspiegel zur Zeit der Römer deutlich niedriger war als heute, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Meike Rosenplänter.

Deshalb verlief auch die Küste anders als heute. In dem Gebiet, das damals noch nicht überflutet war, fanden die Forschenden rechteckige Steinblöcke, alle zwischen zwei und zehn Meter breit, die mehr als zehn Kilometer lang hintereinander aufgereiht waren. An der Form der Blöcke konnten die Forschenden erkennen: Diese Blöcke wurden von den Römern angefertigt.

Römische Hafenanlage gefunden

Die aus den Steinblöcken gebaute Straße führte wohl damals entlang der Küste zu einer Hafenanlage am Südende der Landzunge. Denn dort hat das Team die Überreste von vier weiteren Bauwerken gefunden, von denen das größte bis zu vier Meter hoch und mehr als 130 Meter lang war.

Diese Funde sprechen laut der Forschenden dafür, dass es eine römische Siedlung an der Lagune gegeben haben muss und die Stadt schon damals Teil eines ausgedehnten römischen Verkehrsnetzes war.

Handelswege für ein Leben in Saus und Braus

Die Verkehrsnetze der Römer sind eine der beeindruckendsten Hinterlassenschaften. Sie erstreckten sich vom heutigen Afrika durch ganz Europa bis hin nach Britannien. Auch die Schiffsverbindungen waren über das Mittelmeer gut ausgebaut. Auf diesen Verkehrswegen transportierten Händler alles, was die reichen Römer für ein Leben in Luxus brauchten: Oliven aus Griechenland, Getreide aus Ägypten, Wein aus Italien, Edelsteine aus Indien und Seide aus China.

"Auf den Verkehrsnetzen der Römer haben die Händler alles hin- und hertransportiert, was die reichen Römer brauchten, um ihr relativ luxuriöses Leben zu führen."
Meike Rosenplänter, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin