Wer sich als Journalist allzu intensiv mit den bezahlten Auftragsschreibern befasst, die in Online-Kommentaren und bei Social Media Meinung im Sinne des Kreml machen, der wird selbst zum Ziel. Eine finnische Journalistin hat dazu jetzt ein verstörendes Erfahrungsprotokoll abgegeben: "Ein Jahr als Troll-Magnet".

Die Kommentarfunktion auf Onlineseiten ist ja an sich eine gute Idee: Journalismus ist nicht mehr nur Einwegstraße, die Informationsvermittlung wird ausgeweitet zur Kommunikation mit den Usern. Bei kontroversen Themen ist die Idee allerdings nicht mehr so toll: Spiegel Online schaltet die Kommentarfunktion bei Artikeln über die Flüchtlinge zum Beispiel gar nicht mehr frei - um Hetzern kein Forum zu geben.

Meinungsmache im Netz

Beim russischen Vorgehen in der Krim oder nach dem Abschuss der MH17 über der Ukraine versuchte offenbar eine stattliche Anzahl bezahlter Schreiber, die Stimmung zugunsten Russlands zu beeinflussen. Mittlerweile gibt es verschiedene Insiderberichte aus diesen "Troll-Fabriken".

"Das ist sehr gruselig und verstörend."
Michael Gessat, DRadio Wissen Netzreporter

Die finnische Journalistin Jessika Aro vom finnischen Sender Yle hatte im September 2014 eine Reihe von kritischen Artikeln über die Troll-Fabriken geschrieben. Darin bezog sie eindeutig Position und nannte die organisierten Kommentar- und Social-Media-Aktivitäten "Desinformation und Propaganda". Dadurch ist Aro als Kritikerin so sichtbar geworden, dass die Kritisierten dann zurückgeschlagen haben - naheliegenderweise in den Medienkanälen, in denen sie sowieso unterwegs sind.

Angriffe mit System

Besonders hervorgetan hat sich ein finnischer pro-russischer Aktivist namens Johan Bäckman, der auch als Kommentator im Sender Russia Today auftritt. Er hat sehr systematisch und nachhaltig versucht, das Image Jessika Aros zu beschädigen.

"Aro sei eine Nato- oder US-Agentin und würde bewusst Desinformation in die Welt setzen und versuchen, die freie Meinungsäußerung zu behindern."
Michael Gessat

Diese Vorwürfe strömten dann auch über Twitter, über Mails und rund 20 extra eingerichtete Facebook-Gruppen auf die Journalistin ein - Beschwerdemails gingen aber auch an Parlamentarier und selbst an den finnischen Präsidenten. Angeblich sei Jessika Aro bei der Polizei vorgeladen worden und habe eine Rüge der Medienaufsicht kassiert - alles frei erfunden.

"Der Gipfel der Perfidie: Eine gefakte SMS von ihrem verstorbenen Vater - er würde sie 'beobachten."
Netzautor Michael Gessat

Kann man den Druck aushalten?

Gerade als freier Journalist überlegt man sich ja vielleicht, ob man für ein Honorar in überschaubarer Höhe wirklich sein privates Leben so zum Ziel werden lassen will. Jessika Aro hat allerdings den Rückhalt ihres Senders und betont, sie wolle dem Druck der Kampagne auf keinen Fall nachgeben und weiter kritisch berichten. Das "großzügige Angebot" der Trolle, den Beschuss einzustellen, wenn sie sich für ihre Artikel entschuldigen würde, hat sie also abgelehnt.