Seit dem 24. Februar 2022 taucht in Russland immer wieder der Buchstabe "Z" auf. Was darunter zu verstehen ist und wie Deutschland mit den Herausforderungen durch den Krieg umgehen sollte, erläutern der Russe Alexey Tikhomirov und der Brite Roderick Parkes.

Zwei Blickweisen von ausländischen Staatsangehörigen auf die Bundesrepublik Deutschland und die EU: Was ist unter der russischen "Z-Gesellschaft" zu verstehen und welche noch unbeantworteten Fragen stellen sich rund um den Russland-Ukraine-Krieg? Der Historiker Alexey Tikhomirov beschreibt uns das "Z" in Russland.

Von Wladimir Putins Propagandamaschinerie erfunden, prangt es nicht nur auf Militärfahrzeugen und -ausrüstung, zu finden ist es auch in den staatlichen Medien, auf T-Shirts und selbst Kinder reihen sich in Form dieses Buchstabens auf, obwohl gerade sie von alldem nichts verstehen. Wer sich offen als Unterstützer der Z-Gesellschaft bekennt, kann mit zahlreichen Vergünstigungen wie Lohnsteigerungen oder Belobigungen rechnen.

"Infolgedessen steigt das Denunzieren in Schulen und Universitäten und unter Nachbarn bis hin zu Eltern, die ihre Kinder verpfeifen."
Alexey Tikhomirov, Historiker

Auf der anderen Seite, so Alexey Tikhomirov, bilden sich aber viele kleine Widerstandsgruppen, die mit raffinierten Gegenmaßnahmen die sogenannte "Z-Gesellschaft" torpedieren. So lassen sich einige ihrer Mitglieder krankschreiben, um das autoritäre Regime nicht länger mit ihrer eigenen Wirtschaftsleistung zu unterstützen.

Wie Deutschland und die EU mit russischen Vorstößen umgehen sollten

Roderick Parkes, Forschungsdirektor für auswärtige Politik, positioniert sich in seinem Vortrag dazu, wie Deutschland und die Europäische Union auf Russlands Vorstöße reagieren sollten. Seiner Meinung nach sei es falsch, wenn Deutschland innerhalb der EU eine Führungsrolle einnehmen wolle – wie das viele Politikerinnen und Politiker fordern, einschließlich der SPD-Verteidigungsministerin Christine Lambrecht.

"Noch problematischer ist die deutsche Angewohnheit, viel zu versprechen und zu wenig zu halten."
Roderick Parkes, Politikforscher

Deutschland sollte, so Roderick Parkes, weder viel versprechen noch auf eine Führungsrolle drängen. Die Pipeline Nordstream 2 sei schließlich der beste Beweis für Deutschlands strategisches Versagen.

Die Vorträge

Die beiden Reden entstammen dem "Forum Offene Wissenschaft" an der Universität Bielefeld vom 4. April bis 11. Juli 2022. Es stand unter dem Motto "Die Europäische Union: Welche Zukunft hat sie zwischen Russland, China und den USA?"

Alexey Tikhomirov ist Akademischer Rat auf Zeit im Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte an der Uni Bielefeld. Er sprach über "Die Z-Gesellschaft!? Der Krieg Putins gegen die Ukraine und die Reaktionen innerhalb der russischen Gesellschaft".

Ein weiterer Redner war Roderick Parkes, ein in Berlin lebender Brite und Forschungsdirektor an der "Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik", der sich die Frage stellte: "Deutschland - orientierungslos im veränderten Kräftefeld der Weltpolitik?"

  • Hörsaal
  • Moderation:  Hans-Jürgen Bartsch
  • Vortragender:  Alexey Tikhomirov, Akademischer Rat an der Uni Bielefeld
  • Vortragender:  Roderick Parkes, Forschungsdirektor der "Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik"