Wirtschaftlicher Fortschritt und Verteidigungspolitik: In der Europäischen Union und auch in Deutschland ist beides - historisch bedingt - strikt voneinander getrennt. Doch muss das so bleiben? Der Geschichtsforscher Falk Pingel unternimmt eine Zeitreise von der Vergangenheit in die Zukunft.

Die europäischen Organe sind nach dem Zweiten Weltkrieg auf Drängen der USA entstanden. Die Vereinigten Staaten hatten gefordert, dass Deutschland wirtschaftlich nicht wieder so erstarken dürfe, dass es den Weltfrieden bedrohen kann - so Falk Pingel.

Diese Art von "Sicherheitsarchitektur" führte auf der einen Seite 1949 zur Gründung der NATO und 1952 auf der anderen zur Kohle- und Stahlunion in Westeuropa, der Vorgängerin der Europäischen Union (EU).

Auf die Zukunft gerichtet fragt Falk Pingel, ob Deutschland und auch die EU ihre verteidigungspolitischen Schwächen kompensieren können - oder ob sie weiterhin von dem weit entfernten und größten NATO-Partner USA abhängig bleiben? Wirtschaftspolitisch gesehen ist die EU bereits ein Global Player, militärisch jedoch nicht.

"Die EU könnte auf Russland als Exportland ohne große Schaden völlig verzichten. Das würde die EU-Wirtschaft nicht berühren."
Falk Pingel, Geschichtsdidaktiker

USA sind viel weniger vom Außenhandel abhängig

Die Wirtschaftskraft eines Exportlandes wie Deutschland habe aber auch seine Schattenseiten, erläutert Falk Pingel. So seien die USA viel weniger vom Außenhandel abhängig, weil sie über einen sehr starken Binnenmarkt verfügen. Deshalb können sich die USA auch viel eher Sanktionen gegen andere Länder leisten. Für Deutschland hingegen sei das nur sehr bedingt möglich, weil es auf den Freihandel angewiesen sei.

Der Geschichtsdidaktiker verweist darauf, dass die EU ernsthaft versuche, sich militärpolitisch neu zu erfinden. Beweis dafür sei eine 5000 Mann starke Eingreiftruppe, die 2025 in Dienst gestellt werden soll. Dennoch bleibe dies zunächst nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Falk Pingel lehrt und forscht zur Zeitgeschichte und war viele Jahre stellvertretender Direktor des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig. Er berät internationale Institutionen und Bildungsministerien zur Behandlung der europäischen Dimension im Geschichts- und Politikunterricht.

"Friede nach innen - der Krieg bleibt draußen? Reicht die Wirtschaftskraft der EU, ihre grundlegenden Werte zu erhalten oder sogar zu exportieren?" hieß sein Thema am 11. Juli 2022. Gesprochen hat er in der Reihe "Forum Wissenschaft" an der Uni Bielefeld. Das Motto dort während Sommersemesters 2022 lautete: "Die Europäische Union: Welche Zukunft hat sie zwischen Russland, China und den USA?"

  • Hörsaal
  • Moderation:  Hans-Jürgen Bartsch
  • Vortragender:  Falk Pingel, Geschichtsdidaktiker und Schulbuchforscher