Sie müssen sich im Geheimen treffen, denn Schwule und Lesben leben in Russland gefährlich. Beim Tango können sie ihre Alltagsprobleme für eine Weile vergessen. Und von einem Leben ohne Repressionen träumen.

Ein Tanzsaal in einer alten, verwinkelten Industriehalle im Zentrum von St. Petersburg. Otar hat zum Tango eingeladen - über Vkontakte, das russische Pendant zu Facebook. Nur ausgewählte Leute bekommen seine Informationen. Denn das Leben als Schwuler oder als Lesbe in Russland ist schwer. Es findet quasi nur noch im Untergrund statt - spätestens seit dem Sommer 2013, seit in Russland positive Äußerungen über Schwule und Lesben als Propaganda gelten und Strafen drohen.

Ein bisschen Freiheit im Untergrund

Otar ist 28 Jahre alt, und er leitet in St. Petersburg den schwul-lesbischen Tangoverein. Er ist ein eher ruhiger Typ, hat ein blasses Gesicht und große braune Augen. Der Tango ist für ihn die Nische, in der er sein Schwul-Sein ausleben kann, ohne angefeindet zu werden.

"Tango hat es mir ermöglicht, meine Gedanken auszuleben. Durch den Tanz habe ich mich selber gefunden und konnte so endlich aus meinem Körper ausbrechen."
Otar, leitet einen schwul-lesbischen Tangoverein

Otar kommt aus Georgien, einem Land, in dem Homosexuelle wie in Russland verachtet und diskriminiert werden. Otars Eltern akzeptieren nicht, dass er schwul ist. In der Öffentlichkeit muss sich Otar oft schwulenfeindliche Sprüche anhören. So sein wie er ist - das kann er nur beim Tanzen und zu Hause, wo er mit seinem Ehemann lebt.

"Vor drei Jahren haben wir uns in der Tanzschule kennengelernt. Mein Mann und ich haben in Dänemark geheiratet. In einigen Ländern dieser Welt werden wir als Ehepaar akzeptiert. Aber nicht hier. Nicht in Russland."
Otar, leitet einen schwul-lesbischen Tangoverein

Otar träumt von einer Familie. Und darum denkt er auch darüber nach, aus Russland auszuwandern. Denn als schwules Paar mit einem Kind in Russland zu leben, das stellt er sich äußerst schwierig vor. Er will nicht mit einer Lüge leben oder Kinder in Gefahr bringen.

"Wir haben zwei Freundinnen, die Kinder hier in Russland haben, aber immer unter Angst leben. Sie verheimlichen, dass sie eine Familie sind. Die eine Frau ist offiziell die Mutter, die andere ist offiziell die Tante."
Otar, leitet einen schwul-lesbischen Tangoverein

Otars Tango Treffen sind beliebt. Gleichzeitig muss er aber Kritik aus den eigenen Reihen einstecken. Aktivisten aus der LGBT-Community werfen ihm vor, dass er mit dem Tango keinen politischen Aktivismus betreibe. Otar sieht das anders: "Wenn ich mir die Tango-Gruppe angucke, bin ich glücklich." Im Frühjahr will er den Schritt wagen und ein internationales Queer-Tango-Festival in St. Petersburg organisieren. Er weiß, dass er damit ein Risiko eingeht. Er plant es trotzdem.