In Sankt Petersburg steht ein Yoga-Meister vor Gericht. Er ist angeklagt, weil er in einem Vortrag über eine "nicht-traditionelle" Religion gesprochen hat.

In Russland haben es Menschen, die andere Ansichten als die ihres Staatspräsidenten haben, häufig nicht leicht. Zum Beispiel andere sexuelle Vorlieben - oder andere religiöse Ideen. Dafür sorgen Gesetze, die es der Staatsanwaltschaft zum Beispiel erlauben, gegen Oppositionelle oder Schwule vorzugehen - und jetzt auch gegen Yoga-Lehrer: In Sankt Petersburg steht der Yoga-Lehrer Dmitry Ugai vor Gericht. Vorwurf: unerlaubtes Missionieren.

Dmitry Ugai ist ein schlanker, unscheinbarer Programmierer aus St. Petersburg, der sich schon seit 20 Jahren mit Yoga beschäftigt, sagt Sabine Stöhr, unsere Korrespondentin in Moskau. Im vergangenen Oktober hat Ugai auf einem Festival in Sankt Petersburg einen Vortrag gehalten.

"Gesetz zum Kampf gegen den Terror"

Er sprach über die verschiedenen Yoga-Arten und auch die Philosophie dahinter. Nach einer Dreiviertelstunde hatte die Polizei ihn damals unterbrochen und gedrängt, mitzukommen. Vorwurf: illegales Missionieren. Das ist möglich, weil im vergangenen Sommer ein neues "Gesetz zum Kampf gegen den Terror" in Kraft getreten ist, erklärt Sabine Stöhr.

"Unter anderem 'Illegales Missionieren von Gruppen außerhalb der traditionellen Religionen' ist verboten. Damit will man sich vor allem vor den Salafisten schützen."
Sabine Stöhr, Korrespondentin in Moskau

Kritiker nennen das Gesetz auch "Überwachungsgesetz". Es sieht zum Beispiel vor, dass die russischen Telekommunikationsanbieter nicht nur Verbindungsdaten speichern müssen (das gibt es in Deutschland auch) - sie müssen auch konkrete Daten und Inhalte von Telefonaten, E-Mails und Videos bis zu einem halben Jahr sichern.

"Dienste wie WhatsApp müssen den russischen Behörden ihre Verschlüsselung öffnen."
Sabine Stöhr

Und dann ist eben auch die "missionarische Tätigkeit" verboten, die das Ziel habe, die "gesellschaftliche Sicherheit und Ordnung zu zerstören".

"Das ist sehr vage formuliert. Was das konkret heißt, liegt im Ermessen der Behörden - und das ist das grundsätzliche Problem bei diesem neuen Gesetz."
Sabine Stöhr

Yoga ist in Russland ziemlich populär, sagt Stöhr. In der Sowjetzeit war Yoga noch verboten - später, in der Zeit der Perestroika, seien dann gerade in Sankt Petersburg und Moskau viele Yoga-Studios entstanden (unser Bild oben rechts zeigt öffentliches Yoga im Moskauer Muzeon Arts Park).

Der Prozess, der am 18. Januar beginnt, hat für einige Reaktionen in den sozialen Netzwerken gesorgt - allerdings weitgehend nur unter den russischen Yoga-Fans. Die anderen interessieren sich kaum dafür, berichtet Sabine Stöhr.

Furcht vor der Willkür

Eine Popsängerin, die mittlerweile auch Yoga unterrichtet, frage sich etwa, ob die Behörden jetzt alle einsperren, die Yoga praktizieren. Wenn der Yoga-Lehrer verurteilt wird, müssten wahrscheinlich auch Yoga-Schulen schließen, so Stöhr. Formal drohe Ugai erst mal eine Geldstrafe von knapp 1000 Dollar. Er selbst streitet die Vorwürfe ab und sagt, er habe - wie schon seit Jahren - nichts anderes gemacht als die Yoga-Philosophie zu erklären.