Wenn das Studium zu Ende ist, kommen eine ganze Menge Kosten auf einen zu. Die sind aber unter Umständen nicht so hoch, wenn man eingeschrieben bleibt. Wir sprechen über die Vorteile des Scheinstudiums – denken aber auch darüber nach, wie es moralisch zu bewerten ist.

Auch im kommenden Sommersemester dürften wieder viele Studierende in den Statistiken auftauchen, die nie eine Vorlesung besuchen, sondern nur zum Schein eingeschrieben sind. Wie viele das genau sind, lässt sich nicht beziffern – aus einem Deutschlandfunk-Interview in 2017 mit BWL-Professor Stefan Süß von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf geht allerdings hervor, dass es zumindest in Düsseldorf jede*r vierte Studierende war. Wir können also von Zahlen in ungefähr dieser Größenordnung ausgehen, wenn wir von Scheinstudent*innen sprechen.

Wobei es inzwischen etwas weniger sein dürften, da das enge Regelwerk der Bachelor- und Masterstudiengänge zur Exmatrikulation führt, wenn man nach einer Weile bestimmte Nachweise nicht erbracht hat.

Vorteile: Kindergeld, Bahnticket, Studierendenwohnung

Warum tun sich Menschen also den Stress an und schreiben sich ein, ohne wirklich zu studieren? Ganz klar: Sie haben eine ganze Reihe Vorteile – vor allem finanzielle, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Sebastian Sonntag. Zum Beispiel erhält man bis zum 25. Lebensjahr noch Kindergeld, sofern man in Ausbildung ist. Dadurch spart man bei der Krankenversicherung, weil man sich familienversichern kann.

"Wer mit 23 sein Studium abschließt und dann nicht sofort einen Job findet oder Kohle braucht, für den ist die Scheineinschreibung eine Möglichkeit, Geld zu sparen."
Sebastian Sonntag, Deutschlandfunk Nova

Es kann aber auch um einen Platz im Studierendenwohnheim, Essen in der Mensa und Steuervergünstigungen gehen, die eine Einschreibung ohne Studium für viele rechtfertigt.

200 Euro fürs Pendeln zum ersten Job mit der Bahn

Kirsten, die in Wirklichkeit nicht so heißt, erzählt, dass sie nach dem Abschluss ihres Studiums jeden Tag mit der Bahn gependelt ist. "Im Monat sind so mal eben über 200 Euro fürs Bahnfahren draufgegangen. Das tut natürlich weh", sagt sie. Deswegen schrieb sie sich für den NC-freien-Studiengang Medieninformatik ein.

Strafrechtlich gesehen ist das Einschreiben in einen Studiengang ohne Aufnahme des Studiums nichts Illegales. Mit Zugangsberechtigung (allgemeine Hochschulreife) ist es ein Grundrecht, sich an einer Hochschule einzuschreiben. Sebastian Sonntag erklärt, dass den Unis deswegen auch kein wirklicher Schaden entsteht – außer vielleicht ein bisschen Verwaltungskram, der erledigt werden muss.

Auch die finanziellen Vorteile hält unser Reporter für legitim. Schließlich werden Semestertickets durch die Masse an Studierenden finanziert. Allerdings stellt Sebastian Sonntag die Moral dahinter infrage, spätestens wenn es um Solidarleistungen geht, die einem eigentlich nicht mehr zustehen und von der Allgemeinheit getragen werden.

Keine Nachteile für Unis durch Scheinstudierende

Dass Unis von höheren Studierendenzahlen profitieren, ist ein verbreiteter Mythos, den unser Reporter nur bedingt bestätigt. "Für die Finanzierung von Hochschulen sind die Studierendenzahlen nur bedingt entscheidend. Da sind andere Kriterien – wie Abschlussquoten oder die Einhaltung von Regelstudienzeiten – deutlich wichtiger."

Einzig kleinere und exotischere Studiengänge sind davon abhängig, dass sich ein paar Menschen dafür einschreiben. Gerade diese kleineren Studiengänge sind es, die gerne von Scheinstudierenden genutzt werden.

BWL-Professor Stephan Süß hat das bei sich an der Düsseldorfer Hochschule auch beobachtet: "Wenn wir gucken, wo die eingeschrieben sind, dann sind das in aller Regel die zulassungsfreien Studiengänge. Dort stellen wir fest, dass keine Prüfungsleistungen erbracht worden sind, und dass sich die Leute gar nicht zu den Prüfungen anmelden."

Sebastian Sonntag vermutet, dass die Unis aus diesem Grund bei kleineren Studiengängen nicht so genau hinsehen, wie viele der Eingeschriebenen auch tatsächlich Prüfungen ablegen und "richtig studieren". Käme heraus, wie wenige es ohne die Scheineingeschriebenen wirklich sind, würde womöglich der ganze Studiengang infrage gestellt werden. Insofern könne man es auch so deuten, sagt Sebastian Sonntag, dass die Hochschulen von den hohen Einschreibungszahlen profitieren.