"Können Sie sich nicht ein einziges Mal klar ausdrücken? Sie kriegen auch wirklich gar nichts auf die Reihe!" Es gibt Chefs, denen macht es Spaß, ihre Mitarbeiter regelmäßig niederzumachen - kleine Seitenhiebe sind sogar oft schlimmer als die dröhnende Standpauke. 

Die Situation kennen viele: Wenn der Chef einen "auf der Liste" hat - oder wir haben zumindest das Gefühl, dass das so ist - dann haben wir direkt so einen dicken Kloß im Hals. Die Schikane muss nicht plump und laut sein, oft haben gezielte Nadelstiche hier und da eine langfristigere und schlimmere Wirkung.

Wenig Forschungsergebnisse

Wie verbreitet ein ruppiger Führungsstil in Unternehmen ist, dazu gibt es bisher kaum verlässliche Zahlen - einfach, weil es bisher kaum wissenschaftliche Studien dazugibt. Zurzeit läuft gerade ein Forschungsprojekt, das eine Psychologin bei der Deutschen Bahn mit angestoßen hat.

"Teilergebnisse deuten darauf hin, dass etwa jeder fünfte Arbeitnehmer solche Demütigungen schon mal erlebt hat."
Arne Hell, DRadio Wissen

Die Firma von Andrea Gensel bietet eine Art Telefonberatung für große Unternehmen an. Dort kann jeder anrufen - Mitarbeiter, aber auch die Chefs selbst - und darüber reden, was einen bedrückt. Krasse Demütigungen gibt es natürlich, sagt Gensel, das seien aber eher Ausnahmen.

"Wir haben auch viele Beispiele von Führungskräften, die sich richtig Gedanken machen und die nicht in dieses Klischee der bösen Führungskräfte passen."
Andrea Gensel, berät Chefs und deren Mitarbeiter

Bei der Telefonberatung melden sich deutlich mehr Männer als sonst bei Psychologen. In den Chefetagen sitzen aber natürlich auch weiterhin mehr Männer als Frauen. 

Je nach Größe des Unternehmens

In großen Unternehmen mit Personalabteilungen, die was zu sagen haben, wird auch Geld ausgegeben für solche externen Beratungsangebote. In kleineren Unternehmen, in denen der einzelne Chef mehr Einfluss hat, kann das ganz anders aussehen.

  • Mitarbeiter berichten etwa, dass es ihnen montags schon immer richtig schlecht ging, weil der Chef da immer schlechte Laune hatte - und sich morgens einen rausgepickt hat
  • Oder das Beispiel einer Luxusanwaltskanzlei, wo die Mitarbeiter immer in einer Reihe stehen mussten und nacheinander angebrüllt wurden wie Soldaten in einem Vietnamfilm

Antreiben durch Angst und Scham

Die Beraterin Madeleine Leitner sagt, dass es häufig Frauen sind, die zu ihr kommen.

"Zu einer Klientin von mir, sehr erfolgreich, sagte der Chef: 'Das war doch nur Zufall.' Das ist ihr sehr ans Ego gegangen."
Madeleine Leitner, Psychologin und Karriereberaterin

Diese unterschwellige Schikane - also andere dazu bringen, sich klein und abhängig zu fühlen - werde sogar in manchen Managementseminaren als eine Strategie für Führungskräfte gelehrt, sagt Madeleine Leitner. Sie rät, wenn wir einen solchen Chef oder eine solche Chefin haben, müssen wir aktiv etwas dagegen tun, damit wir nicht daran kaputt gehen:

  • mit den Kollegen zusammenhalten und sich austauschen
  • den Chef konfrontieren
  • wenn das nichts bringt: auf Durchzug schalten, nicht persönlich nehmen - die "innere Kündigung" nennt das Madeleine Leitner