Die Fleischindustrie in Deutschland gerät aufgrund der Corona-Ausbrüche in den Schlachtbetrieben zunehmend in die Kritik. Rückstaus bei den Schweinehaltern gebe es bisher noch nicht. Sie könnten aber bald kommen, sollten die Infektionszahlen weiter steigen.

Ein paar Zahlen aus der deutschen Fleischindustrie: Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 55 Millionen Schweine geschlachtet, allein im Januar und Februar dieses Jahres waren es 9,26 Millionen.

Jedes dritte Schwein wird nach Branchenangaben in Deutschland von dem nun in die Kritik geratenen Fleischhersteller Tönnies geschlachtet. Allein an seinem Hauptstandort in Rheda-Wiedenbrück können pro Tag 30.000 Schweine getötet werden. Tönnies hat noch zwei weitere Standorte in Weißenfels und Zerbst. Auch in Weißenfels können täglich 20.000 Schweine geschlachtet werden.

"Im letzten Jahr wurden mehr als 55 Millionen Schweine in Deutschland geschlachtet. Im Januar und Februar dieses Jahres kamen insgesamt 9,26 Millionen Tiere an den Haken."
Britta Fecke, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Um es kurz zu machen: In Deutschland werden pro Tag sehr viele Schweine geschlachtet und weiterverarbeitet – daran hat sich auch seit den Corona-Ausbrüchen wenig geändert. Laut des statistischen Bundesamtes ging die Produktion bisher nur leicht zurück im Vergleich zum Vorjahr.

Das ist aufgrund des hohen Marktanteils allein von Tönnies sehr verwunderlich, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Britta Fecke. Die Situation könnte sich jedoch bald ändern, sollten noch mehr Schlachtbetriebe aufgrund von hohen Infektionszahlen schließen müssen.

Sammelunterkünfte und Werksverträge

Bisher wurden die hohen Infektionszahlen von Seiten der Fleischindustrie auf die Sammelunterkünfte und die Werksverträge geschoben. Bei Werkverträgen sind Subunternehmer für die Arbeitsbedingungen und das Verhalten der Angestellten zuständig und nicht der Schlachtbetrieb selber.

Der Corona-Ausbruch bei einem Dönerfleischproduzenten in Moers hebelt diese Argumente jedoch aus: Dort sind die Arbeitenden festangestellt und wohnen zudem nicht in einer Sammelunterkunft.

Lüftungsanlagen als Virenschleuder

Damit wird die These von Martin Exner vom Institut für Hygiene der Uniklinik Bonn gestärkt: Die Lüftungsanlagen in den Schlachtbetrieben könnten für die rasante und großflächige Ausbreitung des Coronavirus verantwortlich sein.

Eine vermeidliche Klimaanlage tauscht die Luft in den Räumen der Schlachtbetriebe nämlich nicht aus, sondern zieht sie nur aus der Halle raus, kühlt sie ab und pustet sie zurück in die Räume. Eine Reinigung oder Filterung der Luft existiert also nicht, erklärt Britta Fecke. Anstatt die Erreger herauszufiltern, werden sie - gekühlt und damit besser haltbar - zurück in die Räume gebracht und dort verteilt.

"Die Klimaanlage tauscht die Luft im Raum aber nicht aus, sondern zieht sie aus der Halle. Dann wird sie gekühlt und wieder zurück in den Raum gebracht. Eine Reinigung oder Filterung der Luft gibt es nicht. Sie zirkuliert nur, also verteilt auch die Erreger."
Britta Fecke, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Ähnliches wurde auch bei Influenzaausbrüchen in den letzten Jahren so beobachtet.

Bisher keine Engpässe

Doch was passiert nun mit den ganzen Schweinen, wenn immer mehr Schlachthöfe schließen müssen? Denn, wenn Schweine zu lange im Stall stehen, werden sie schwerer und das Fleisch verfettet. Außerdem könnte es zu einem Platzmangel kommen. Den gebe es aber noch nicht. Das bestätigten uns der Bauernverband, der Bundesverband Rind und Schwein und die Interessensgemeinschaft der Schweinehalter Deutschland e.V..

Bisher könnten alle Tiere noch auf andere Schlachtbetriebe in Deutschland, wie zum Beispiel den Schlachthof Weidenmark in Sögel oder nach Sachsen-Anhalt, gebracht werden. Das einzige Problem hier: Es könnten längere Transportwege entstehen, wenn die Tiere zu weiter entfernten Schlachtbetrieben in Deutschland gefahren werden müssen.

"Das einzige jetzt erkennbare Problem sind zum Teil längere Transportwege, weil weiter entfernte Schlachtbetriebe angefahren werden müssen."
Britta Fecke, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Sollten jedoch in der Zukunft noch mehr Schlachtbetriebe aufgrund eines Corona-Ausbruchs schließen müssen und erst nach einer Aufrüstung der Anlagen wieder öffnen dürfen, dann könnte es für die Schweinehalter problematisch werden, vermutet Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Britta Fecke.