Schulabschluss in der Tasche, Studium angefangen, den Kopf voller Pläne – dann passiert etwas, was das Leben für immer verändert. So ging es Christin, als sie mit 19 einen Schlaganfall hatte, der sie fast erblinden ließ.

Elf Jahre ist es nun her, dass Christin Henke aus Lübeck einen Schlaganfall überlebt hat. Damals hat sie einen großen Teil ihres Sehvermögens verloren. Das linke Auge ist komplett blind, auf dem rechten sieht sie noch ein wenig.

Das bedeutet Einschränkungen im Alltag: "Es ist so, dass ich einen scharfen Punkt habe, den ich meistens benutzen kann, um zum Beispiel aufs Handy, den Laptop zu gucken, irgendwelche Knöpfe zu erkennen oder um mir den Kajalstrich zu ziehen", sagt Christin. Auch Gläser sieht sie nicht oder nur, wenn sie gefärbt sind. Und wenn sie unterwegs ist, trägt sie eine Armbinde mit drei Punkten, um zu zeigen, dass sie wenig sieht.

"Das sind so Dinge, die mir viel abverlangen. Ich muss dann 200 Prozent konzentriert sein, damit ich nicht irgendwo gegen renne, jemanden umrenne oder den Bordstein herunterfalle."
Christin

Christin lebt alleine, das war ihr nach ihrer Diagnose besonders wichtig: unabhängig zu sein. "Ich fand es am Schlimmsten, dass ich wieder so abhängig bin, weil es mir so wichtig war, unabhängig zu sein. Aber ich bin dann schnell auch aus dem Grund in meine eigene Wohnung gezogen, weil ich das unbedingt wollte. Ich wollte nicht wieder bei meinen Eltern einziehen und dachte: Wenn ich jetzt hierbleibe, dann bleibe ich für immer hier", sagt sie.

Thrombose lässt die Sehnerven absterben

Aber wie kommt es dazu, dass ein junger Mensch ohne Vorerkrankungen einen Schlaganfall bekommt? In Christins Falls war es eine Thrombose. Sie hat gerade ihr Grafikstudium begonnen, als sie immer wieder heftige Kopfschmerzen bekommt. Den Kopf kann sie nicht mehr bewegen, ihr ist ständig schwindelig. Eines Tages, als sie gerade zuhause ist, bricht sie zusammen. Ihre Schwester ruft den Krankenwagen.

Im Krankenhaus wird eine Thrombose diagnostiziert, ein Blutgerinnsel im Kopf. Durch das verstopfte Blutgefäß werden die Sehnerven nicht mit Blut versorgt. Die Sehnerven sterben ab. Christin fällt nach dem Schlaganfall ins Koma.

Und warum die Thrombose? Eine Erklärung dafür bekommt Christin erst Jahre später: In ihrem Fall war es wohl die Einnahme der Antibabypille, die zur Thrombose geführt hat. Das sei allerdings sehr selten, wurde ihr von der Spezialistin versichert.

"Fünf Jahre nach der Thrombose hat eine Gerinnungsspezialistin der Uniklinik festgestellt, dass diese wohl zu 99,9 Prozent an der Pille gelegen hat, also an den Hormonen. Und die Gerinnungsspezialistin meinte auch, dass das superselten ist."
Christin

Langsamer Weg zurück ins Leben

Als Christin aus dem Koma erwacht, kann sie eine Körperhälfte nicht bewegen. Und sie sieht nichts. Was das bedeutet, habe sie lange gebraucht zu verstehen, sagt sie: "Wenn man merkt, ich kann meine eigene Hand nicht mehr sehen, ich kann nicht sehen, wo ich hin greife, ich kann mein Brötchen nicht essen, da wird einem irgendwann klar: Scheiße, irgendwas ist hier falsch. Aber so richtig realisiert habe ich das erst Jahre später – was das eigentlich für Auswirkungen hat."

"Ich wirke immer so tough und leistungsfähig, aber ich merke nach so einem Drei-Vier-Stundentag, dass ich alle bin."
Christin

Aber Christin will leben – und unabhängig sein. Das Jahr nach ihrem Schlaganfall verbringt sie im Krankenhaus und der Reha. Dort lernt sie, wieder zu laufen und sich fast blind zu orientieren. Mit dem Studium ist Schluss, das fällt Christin extrem schwer. Durch eine Therapie lernt sie, ihr Leben so zu akzeptieren, wie es jetzt ist.

Heute geht sie selbst zu Fuß ins Fitnesscenter, besucht mit Freundinnen und Freunden Konzerte, ist in der Natur unterwegs, vertont Hörspiele und hört viele Podcasts. Auch für Psychologie und Medizin interessiert Christin sich. Aber sie kann nicht mehr so viel Leistung bringen. Daher ist sie arbeitsunfähig – lange hatte sie das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, bis sie diesen Zustand akzeptieren konnte.

"Im Grunde bin ich ja ein normaler Mensch, ich habe nur ein paar Einschränkungen, oder besondere Bedürfnisse, sage ich immer ganz gerne."
Christin

Obwohl Christin immer wieder an ihre Grenzen kommt, genießt sie das Leben. Auch gerade weil sie durch ihre Einschränkungen mit den großen Fragen des Lebens konfrontiert wird. Christin sagt, dass sie durch ihre Behinderung sensibler und emotionaler geworden ist. Früher sei sie blinder durchs Leben gegangen.