Seid ihr in den letzten Tagen mal zu spät gekommen, weil der Radiowecker zu spät geklingelt hat? Oder weil laut Uhr am Herd oder der Mikrowelle noch Zeit genug war? Viele Uhren liegen momentan hinter der offiziellen Zeit. Dafür könnt ihr nichts, das Stromnetz ist Schuld. 

Die Sache mit den nachgehenden Weckern ist keine Einbildung und eine ganze Menge Leute sind davon betroffen, nicht nur in Deutschland. Ursache ist ein schlappes Stromnetz.

"Die Abweichung beträgt bis zu fünf Minuten. Und das reicht ja bei einem eng getakteten Tagesbeginn auf jeden Fall schon mal dazu, den Bus oder die Straßenbahn zu verpassen."
Michael Gessat, Deutschlandfunk Nova

Betroffen sind die Uhren, die als Taktgeber das Stromnetz verwenden: genauer gesagt die Taktfrequenz unseres Wechselstroms. Die beträgt normalerweise 50 Hertz. Es gibt Schwankungen, und auch bei den Geräten oder Netzteilen eine gewisse Toleranz. Auch bei der Stromspannung kann es Abweichungen geben. Die bei uns üblichen Geräte funktionieren normalerweise ohne Probleme, egal ob mit 220 Volt oder 230 Volt. 

Im Stromnetz sind nun viele Kraftwerke zusammengeschaltet. Mal sind es mehr und mal weniger – und sie sind unterschiedlicher Art: Kohle, Atom, Windräder oder Sonnenkollektoren. Und wenn jetzt insgesamt zu wenig Strom eingespeist wird, dann schmiert die Taktfrequenz etwas ab und liegt dann deutlich unter 50 Hertz.

"Dann gehen alle Uhren langsamer, die sich eigentlich auf die 50 Hertz als Taktgeber verlassen. Und das sind ziemlich viele: Radiowecker, Backofen-Uhren und Zeitschaltuhren zum Beispiel."
Michael Gessat, Deutschlandfunk Nova

Die Hersteller dieser Uhren sparen einen separaten Taktgeber, wie bei einer Quartzuhr beispielsweise. Normalerweise ist diese Taktung per Stromfrequenz auch ziemlich gut und genau, aber wenn die Uhren nachgehen kann das peinliche Folgen haben.

"Stell dir vor, du schiebst einen Kuchen in die Röhre, der muss nach 30 Minuten raus. Erst guckst du auf dein Handy und später guckst du auf die Backofenuhr und denkst, es ist noch nicht so weit - und dann ist's verbrannt."
Michael Gessat über alltägliche Dramen, die mit nachgehenden Uhren einhergehen können

Betroffen ist auch, wer Zeitschaltuhren an Steckdosen hat. Die gehen bei schlapper Stromtaktung auch nach. Heise.de hat gemeldet, dass der "Verbund der europäischen Stromnetzbetreiber ENTSO-E" das Problem bestätigt. Zunächst war die Rede von einem unbekannten Strombetreiber, der zu wenig Strom ins europäische Netz einspeise. 

Tatsächlich ist die Ursache eine länger anhaltende Abweichung in den Stromnetzen von Kosovo und Serbien. Das hat der Europäische Netzbetreiberverband jetzt mitgeteilt. Aus politischen Gründen haben die wochenlang zu wenig Energie ins System eingespeist. Davon waren letztendlich Stromnetze in 25 europäischen Ländern betroffen - von der Türkei bis Deutschland.

Verlässliche Alternativen

Auf die Uhren in unseren Smartphones können wir uns eigentlich ziemlich genau verlassen. Sie erhalten ihre Zeitinfos über den Mobilfunk-Provider. Am Computer wird die Zeit normalerweise über die Time-Server im Internet aktualisiert, vorausgesetzt, ihr seid online. Die rechnereigene Uhr kann nämlich auch schnell aus dem Ruder laufen. Am besten ist natürlich eine Funkuhr – aber auch bei denen gibt’s Unterschiede, wie oft sie die Atomuhrzeit abfragen.