Cyber-Mobbing und Hate-Speech im Netz sind leider Alltag. Ein finnisches Unternehmen will das ändern – und zwar mithilfe einer neuen Schriftart. "Polite Type" zensiert und verändert Beleidigungen direkt beim Schreiben. Dahinter steckt ein Algorithmus, so unser Netzreporter Michael Gessat

Das finnische Unternehmens TietroEvry hat das Font-Projekt gemeinsam mit finnischen Teenagern entwickelt. Es hat einen didaktischen Ansatz: Man will sich stark machen gegen Cyber-Mobbing, Rassismus und Diskriminierung im Netz, so unser Netzreporter Michael Gessat. Auf seiner Webseite schreibt das Unternehmen: "Wir glauben, dass höflich und respektvoll Sein die Standard-Auswahl im Internet sein sollte."

"'Polite Type' will sensibilisieren für Cyber-Mobbing, Rassismus und Diskriminierung im Netz."
Michael Gessat, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Auf der Webseite steht die Schriftart "Polite Type" kostenfrei als Download zur Verfügung. Hinter dem Font steckt ein Algorithmus, der beim Schreiben dann eingreift, falls ihr schlimme Beleidigungen verwendet. Bislang funktioniert das aber nur bei englischen Texten.

Beleidigungen werden ausgeblendet

Hassrede wird einfach geblurrt: Das beleidigende Wort wird ersetzt durch ein Muster aus verschieden großen Punkten. Aber der Algorithmus blendet nicht nur aus: "Bei Formulierungen, die die Adressatin oder den Adressaten unter Druck setzen oder belasten könnten, ersetzt die Schriftart die Formulierung durch eine höflichere Alternative", sagt Michael Gessat. Aus "I hate you" wird beispielsweise einfach "I disagree with you". Wobei die höflichere Alternative teils aber auch die Bedeutung ändert anstatt nur die Formulierung zu ersetzen.

Kritik am Open Source Projekt

An der Schriftart gibt es auch Kritik. Der Blogger Fefe zum Beispiel (auf dessen Blog ist unser Reporter auf das Projekt aufmerksam geworden ist) hält das Ganze für völlig irre, so Michael Gessat. "Nazi", "Antisemit" oder "islamophob" würden vom Algorithmus "nicht wegzensiert", obwohl diese Begriffe im Netz vielleicht auch unbewiesen verwendet würden.

"Polite Type" ist aber ein Open-Source-Projekt, so Michael Gessat. Das heißt, die Kriterien für den Algorithmus sind frei einsehbar. Die User und Userinnen können sie ändern oder ergänzen. "Insofern kann das Ganze natürlich noch wesentlich verfeinert oder nachgebessert werden. Oder kann auch für andere Sprachen kommen", sagt unser Reporter.

"Mal rein technisch gesehen: 'Polite Type' ist ein Open-Source-Projekt. Die Kriterien, was da verändert, zensiert, geblurrt oder ersetzt wird, die sind frei einsehbar."
Michael Gessat, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Sein Fazit ist, dass das Projekt sinnvoll sein kann für Userinnen und User, die völlig unreflektiert Hatespeech rauspusten. "Ich glaube aber: Richtig überzeugte Hater werden sich den Font nicht installieren."