Viel wurde in Europa über den Sonderweg der Schweden in der Corona-Pandemie diskutiert. Im Inland wie im Ausland. Dass die Bevölkerung ihre eigene Regierung nur wenig kritisiert hat, sagt viel über die Debattenkultur im Land aus.

250 Todesfälle gab es bisher in Norwegen, in Dänemark starben 600 Menschen an Covid-19. Im skandinavischen Nachbarland Schweden sehen die Zahlen dagegen ganz anders aus: Mehr als 5400 Todesfälle durch Covid-19 wurden bisher registriert. Auf die Einwohnerzahl umgerechnet sind das fast fünfmal so viele Todesfälle wie bei uns in Deutschland, sagt Sofie Donges, ARD-Korrespondentin für Schweden.

"5400 Tote – das ist eine sehr hohe Zahl. Umgerechnet auf die Einwohner fast fünfmal so viele wie in Deutschland."
Sofie Donges, ARD-Korrespondentin für Schweden

Aus der Sicht der schwedischen Regierung gebe es allerdings keinen Grund, etwas an dem bisher gefahrenen Kurs zu ändern. Dabei beruft sich die Regierung vor allem auf die seit Wochen kontinuierlich sinkenden Zahlen.

Kritik von Wissenschaft und Opposition

Kritik am Sonderweg Schwedens kam von Anfang an hauptsächlich von einigen Wissenschaftlern, die mehr Einschränkungen forderten, berichtet Sofie Donges. Die Opposition hielt sich lange im Hintergrund, doch mittlerweile gebe es auch von ihrer Seite Druck. Nun macht sie die Regierung öffentlich für die hohen Todes- und Infektionszahlen verantwortlich. Auf diesen öffentlichen Druck hin, hat die Regierung eine Kommission eingesetzt, die herausfinden soll, ob das Krisenmanagement funktioniert hat und, was besser gemacht werden könnte.

Ein erstes Ergebnis: Es habe viel zu lange gedauert, ausreichend Schutzausrüstung zu besorgen und zu verteilen. Denn das Gesundheitssystem Schwedens ist für den Normalzustand ohne Pandemie ausreichend ausgestattet, aber nicht für die jetzige Situation. Der abschließende Bericht dazu steht noch aus.

Lob von der WHO

Doch es gibt nicht nur Kritik an der Vorgehensweise der Regierung. In einem aktuellen Interview, das Michael Ryan, der Geschäftsführer des Health Emergencies Programme der WHO, einer schwedischen Zeitung gab, lobt er das Land für seinen Umgang mit der Corona-Krise.

Michael Ryan hebt vor allem positiv hervor, dass in Schweden die Corona-Maßnahmen von der Gesundheitsbehörde entschieden werden. So würden die Entscheidungen auf einer wissenschaftlichen Basis und nicht aufgrund von politischen Motivationen getroffen werden, zitiert ihn Sofie Donges.

Zustimmung aus der Bevölkerung sinkt

In der schwedischen Bevölkerung kippt die Stimmung allerdings auch nach und nach. Während die Regierung in den ersten Monaten der Pandemie noch viel Zustimmung von der Bevölkerung erhielt, sind laut einer Umfrage von Juni nur noch die Hälfte aller Schwedinnen und Schweden mit dem Corona-Management zufrieden, berichtet Sofie Donges. Große Proteste oder Aufforderungen zum Lockdown gibt es aber nicht.

"Man braucht jetzt trotzdem nicht denken, dass hier jemand lautstark einen Lockdown fordern würden. Das ist gar nicht das Thema."
Sofie Donges, ARD-Korrespondentin für Schweden

Hauptsächlich drehen sich die Diskussionen in der Bevölkerung um die Frage, wie man die älteren Menschen besser hätte schützen können und um den allgemeinen Zustand im Pflege-, und Gesundheitssystem.

Kritik an der Kritik

Diese zurückgenommene Protesthaltung und das schlechte Krisen-Management der Regierung wurde beispielsweise auch von der schwedischen Schriftstellerin Elisabeth Asbrink in einem Zeitungs-Essay aufgegriffen. Ihre These: Schweden sei ein "friedensgeschädigtes Land", also ein verwöhntes Land, in dem es seit langen weder Krieg, noch Revolution, noch Naturkatastrophen gab. Deshalb seien die Schweden so passiv und so faul, zitiert sie Sofie Donges.

Nach der Veröffentlichung des Essays entbrannte eine heftige Debatte im Land. Viele kritisierten Asbrink für ihre Aussagen sehr hart, wie sie in einem Interview mit dem Spiegel berichtet. Mit ihrer Aussage, dass öffentliche Debatten lange wenig bis gar nicht stattgefunden haben, habe sie nicht ganz unrecht, sagt Sofie Donges.

Eine andere Debattenkultur

Auch die Erfahrungen von Christian Stichler, der ARD-Fernsehkorrespondent zeigen, dass sich die Debattenkultur Schwedens deutlich von der unseren unterscheidet: Nachdem er in den Pressekonferenzen der Gesundheitsbehörde hartnäckig nachfragte, warum Schweden diesen Weg in der Krise gewählt habe, wurde sogar über ihn als Person in den schwedischen Medien berichtet. "Als der geheimnisvolle Deutsche, der immer so harte Fragen stellt" musste er sich sogar in Talkshows rechtfertigen. Aus deutscher journalistischer Sicht habe er dagegen einfach nur seinen Job gemacht und nach dem "Warum" gefragt, sagt Sofie Donges.

Isoliert zwischen Freunden

Dennoch: Für die Schweden ist ihre isolierte Lage derzeit nicht einfach. Sie seien regelrecht "beleidigt", berichtet Sofie Donges. Gerade die Menschen im Norden hätten normalerweise ein sehr gutes Verhältnis zu den skandinavischen Nachbarn. Nun stehen sie allerdings isoliert da.

"Die Menschen fühlen sich hier fast schon so ein bisschen wie der Buh-Mann Europas“
Sofie Donges, ARD-Korrespondentin für Schweden

Oft würden sie argumentieren, dass das Ende der Corona-Pandemie noch nicht erreicht sei und ähnlich hohe Fallzahlen in anderen Ländern möglicherweise noch kommen könnten.