Was haben Brexit-Referendum, US-Präsidentschaftswahl und die Parlamentswahl in Australien gemeinsam? Die Prognosen lagen daneben. Wir haben nach einer Erklärung gesucht und mehrere gefunden.

Die Wahlforschung hat anscheinend an Präzision verloren. Das Ergebnis der Brexit-Abstimmung und der Wahlerfolg Donald Trumps waren gerade für diejenigen überraschend, die sich für die Wahlprognosen also Vorhersagen des Wahlverhaltens interessieren. Amelie Fröhlich arbeitet in unserer Nachrichtenredaktion. Sie hat sich angesehen, warum Wahlprognosen in der jüngsten Zeit unzuverlässiger erscheinen.

Das jüngste Beispiel ist die Wahl in Australien am 18.05.2019. Laut der Vielzahl der Umfragen konnte die Regierungskoalition von Scott Morrison in Australien in den vergangenen knapp drei Jahren nicht mehr mit einer Mehrheit der Wählerinnenstimmen rechnen, sondern die oppositionelle Labor-Partei von Bill Shorten.

"Einige der Befragten wollen ihre wahre Einstellung nicht offenbaren."
Amelie Fröhlich, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion

Die Wahl hat allerdings das Mitte-rechts-Bündnis von Premierminister Scott Morrison sehr deutlich gewonnen – wahrscheinlich sogar mit absoluter Mehrheit. Die falsche Vorhersage könne auf das problematische Mittel der Telefonumfragen zurückgehen, sagte der ehemalige Chef eines Meinungsforschungsinstituts dem australischen Sender ABC. Es sei heute schwieriger, Telefonumfragen zu erstellen, weil viele Wählerinnen und Wähler keine Festnetznummer mehr haben. Sie telefonieren nur noch mit ihren Handys. Diese Nummern tauchen in öffentlichen Verzeichnissen nicht unbedingt auf.

Bei Telefonumfragen offenbaren einige der Befragten ihre wirkliche Einstellung nicht. Sie planen eine bestimmte Partei zu wählen, geben im Interview aber eine andere an. Manche wollen vielleicht auch bewusst irreführen und machen falsche Angaben. Diese Probleme haben andere Umfragemethoden allerdings auch.

"Ein Institut, das den Wahlausgang korrekt vorausgesagt hat, hat Social-Media-Kommentare ausgewertet - insgesamt zwei Millionen Kommentare zu Schlüsselbegriffen."
Amelie Fröhlich, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion

Zu Telefon-Umfragen gibt es einige Alternativen. Ein Institut, das den Wahlausgang in Australien korrekt vorausgesagt hat, wertete Social-Media-Kommentare aus. Und am Ende lag es mit seiner Vorhersage richtig. Ob sich anhand solcher Methoden dauerhaft bessere Vorhersagen erstellen lassen, ist nicht belegt. Inzwischen ist es häufiger als früher, dass sich Wählerinnen und Wähler kurz vor der Stimmabgabe für eine Partei entscheiden – Stichwort Volatilität. Die Gruppe der Stammwähler wird tendenziell kleiner.

Brexit-Vorhersage als Problem

Amelie weist darauf hin, dass jede Wahl spezifische Merkmale hat. Sie erinnert daran, dass das Ergebnis der Abstimmung zum Brexit recht knapp war. Von den größeren Instituten lagen YouGov, Populus, ComRes, ORB, Ipsos-Mori und Survation falsch, TNS und Opinium lagen hingegen richtig.

Die Untersuchung Predicting Brexit, die von der University of Essex veröffentlicht wurde, zeigt, dass viele Meinungsforschungsinstitute 2016 zwar die Präferenzen jüngerer Wählerinnen und Wähler – eher für den Verbleib in der EU – und älterer – eher für den Brexit – richtig eingeschätzt hätten. Bei der tatsächlichen Wahlbereitschaft der beiden Gruppen allerdings – bei älteren war sie eher hoch und bei jüngeren war sie eher niedrig – falsch lagen. Unter anderem sei dann auf diesem Weg eine falsche Vorhersage zustande gekommen.

Bei der Trump-Wahl habe die falsche Vorhersage auch an dem komplizierten Wahlsystem in den USA gelegen, sagt Amelie. Denn in der Tat hatte Hillary Clinton in absoluten Zahlen fast drei Millionen Stimmen mehr. Entscheidend war, dass das Wahlergebnis Trump die Mehrheit der Wahlmänner sicherte.