Rein rechtlich ist die Sache klar: Kein Soldat darf wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Im Alltag sieht das anders aus. Doch langsam tut sich etwas.

Wie weit ist die Bundeswehr in Sachen Akzeptanz von Homosexuellen und Vielfalt? Darüber diskutiert gerade ein Workshop, der von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen initiiert wurde. Über 200 hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Militär sind eingeladen.

Subtil diskriminiert, eingeschüchtert oder ausgegrenzt

Wie lebt es sich als homosexueller Soldat bei der Bundeswehr? Rein rechtlich sei die Bundeswehr bei dem Thema gut aufgestellt, sagt Marcus Otto, Vereinschef des Arbeitskreises homosexueller Angehöriger der Bundeswehr. Hier gebe es keine Probleme.

Trotzdem werden immer wieder Vorfälle an den Verein herangetragen - Fälle von subtiler Diskriminierung, zerstochene Reifen oder ein Fall, bei dem ein Vorgesetzter einen Soldaten in Abwesenheit vor der Truppe geoutet hat - mit dem Hinweis, Soldaten sollten aufpassen, was sie ihm gegenüber sagten. Und von Zeit zu Zeit fallen auch heftigere Sprüche wie "so was hätte man früher in Russland erschossen", erzählt Marcus Otto.

Angst um Karriere: Coming-out erst nach sechs Jahren

Marcus Otto hatte erst nach sechs Jahren sein Coming-out bei der Bundeswehr, weil er Angst um seine Karriere hatte. Heute akzeptiert er keine Art der Diskriminierung und rät jedem Soldaten, sich zu wehren. Ihm ist aber auch klar: Der Weg dahin ist schwer. Jeder Soldat muss individuell den Mut aufbringen, sich zu beschweren und gegen Diskriminierung vorzugehen.

Als Erstes empfiehlt Marcus Otto, das Gespräch mit den Vorgesetzten zu suchen. Die seien verpflichtet, sich der Probleme ihrer Soldaten anzunehmen. Wenn die Sache heruntergespielt wird oder sich der Vorgesetzte weigert, etwas zu unternehmen, können Betroffene den großen Beschwerdeweg gehen und sich an den Wehrbeauftragten wenden - aber das bedarf Mut, sagt Marcus Otto.

Lieber schweigen, als sich selbst zu offenbaren

Denn dann müssen sie sich vor der gesamten Bundeswehr offenbaren und werden unter Umständen auch zu einem Thema in den Medien. Die Folge: Einige Betroffene halten lieber den Mund und versuchen, ihre Dienstzeit zu überstehen.

"Ich habe mich erst geoutet, als ich sicher war, ich habe einen gewissen Dienstgrad erreicht."
Marcus Otto, Vereinschef des Arbeitskreises homosexueller Angehöriger der Bundeswehr

Homosexuelle Soldaten sollten ihre Umgebung analysieren, um den richtigen Moment für ein Coming-out in der Bundeswehr zu finden, rät Marcus Otto. Und hier gilt: Bundeswehr ist nicht gleich Bundeswehr. So werde in einer Kampftruppe weniger offen mit Thema umgegangen.

Dafür spricht, dass der Arbeitskreis homosexueller Angehöriger der Bundeswehr noch keine Mitglieder unter den Panzergrenadieren oder den Fallschirmjägern habe. Auf Nachfrage hört Marcus Otto immer wieder, hier sei ein Coming-out undenkbar. Auch weil Soldaten hier ständig mit homophoben Einstellungen konfrontiert würden.

"Wir möchten, dass die obere Führung für das Thema sensibilisiert wird."
Marcus Otto, Vereinschef des Arbeitskreises homosexueller Angehöriger der Bundeswehr

Aber auch in diesen Einheiten gibt es Fälle, die Marcus Otto Hoffnung machen. Etwa die Geschichte der Panzergrendiertruppe, in der vor einem Auslandseinsatz zwei Soldaten ihrem Feldwebel mitteilten, dass sie schwul seien. Dessen Reaktion: Er sprach das Thema vor der gesamten Truppe an und machte sofort klar, dass er keine Diskriminierung dulde. Wer ein Problem mit den beiden schwulen Soldaten habe, habe ein Problem mit ihm.