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Die Familie flieht aus der Sowjetunion, doch der Großvater kommt nie an. Hat ihn einer der eigenen Söhne verraten? "Sechs Koffer" von Maxim Biller ist keine Biografie. Aber irgendwie dann doch.

"Sechs Koffer" von Maxim Biller ist zwar ein Roman, aber auch der biografische Versuch einer Enthüllung. Der Erzähler darin hat eigentlich keinen Namen. Aber daraus, dass es um ihn und seine eigene Familie geht, hat der Schriftsteller Maxim Biller später nie ein Geheimnis gemacht. Was wirklich wahr ist und was erfunden, lässt sich trotzdem nur schwer sagen, denn Maxim Billers Quelle ist neben seiner Fantasie seine Verwandtschaft – seine große, russische, jüdische Familie.

In der Nachkriegszeit rund um 1960 und in den Jahren darauf verschlägt es Maxims Familie über Tschechien nach Deutschland, nach Nordamerika und nach Südamerika. Nicht alle aus seiner Familie landen gleichzeitig am selben Ort, und nicht alle sind zufrieden damit, wo sie schließlich gelandet sind. Manche von ihnen kehren sogar frustriert zurück, und einer kommt überhaupt nirgends an: Tate.

Er muss verraten worden sein

"Tate", so nennt Maxim Biller seinen Großvater Schmil. Und sein Tate wird im Jahr 1960 angeblich vom KGB verurteilt und hingerichtet. Vorher ist er am Flughafen in Moskau mit sehr viel ausländischem Geld im Gepäck verhaftet worden. Hehlergeld aus seinen Schwarzmarktgeschäften.

Er muss verraten worden sein, sind sich alle sicher, und zwar von jemandem, der engen Kontakt zu ihm gepflegt und von seiner geplanten Flucht aus der damaligen Sowjetunion gewusst hat. Von jemandem aus der Familie. Aber von wem? Von einem seiner vier Söhne? Von denen einer Maxims Vater ist.

Die beiden ältesten, Wladimir und Lev, sind zuerst in den Westen abgehauen. Sie wurden nicht festgenommen. Vielleicht, weil sie sich freikaufen konnten?

Der Vater sagt fast nie etwas

Dima, der dritte Sohn, ist bei seinem Fluchtversuch einkassiert worden, auch er soll viel Geld dabei gehabt haben. Fünf Jahre Gefängnis hat ihn das gekostet. Aber: Dima wurde nicht erhängt. Vielleicht, weil auch er sich mit Geld retten konnte?

Und Maxims Vater, der vierte Sohn, was war mit dem? Der arbeitete die ganze Zeit am Schreibtisch und sprach wenig. Und wenn er doch mal was gesagt hat, dann ziemlich streng und laut. Als hätte man ihn bei etwas ertappt. War er so ein stilles Wasser, dunkel und kilometertief? War ihm deshalb nicht zu trauen?

Buch: "Sechs Koffer" von Maxim Biller, Kiepenheuer & Witsch.

Autor: Maxim Biller, geboren 1960 in Prag, lebt seit 1970 in Deutschland. Von ihm sind bisher unter anderem erschienen:

  • Der Roman "Die Tochter"
  • Die Erzählbände "Wenn ich einmal reich und tot bin", "Land der Väter und Verräter" und "Bernsteintage"
  • Sein Roman "Esra", den die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung als "kompromisslos modernes, in der Zeitgenossenschaft seiner Sprache radikales Buch" lobte, wurde gerichtlich verboten und ist deshalb zurzeit nicht lieferbar.
  • Sein Memoir "Der gebrauchte Jude" (2009)
  • Die Novelle "Im Kopf von Bruno Schulz" (2013)
  • Der Roman "Biografie" (2016), den die SZ sein "Opus Magnum" nannte
  • Sein Bestseller "Sechs Koffer" stand auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2018.