Es gibt immer mehr Sekten in Deutschland, vor allem kleine Gruppierungen. Der Markt ist voll, das Angebot geradezu unüberschaubar. Warum interessieren sich so viele Menschen diese Sinnangebote?

Die Anzahl der Gruppierungen insgesamt ist enorm in die Höhe gegangen, sagt Michael Utsch. Er leitet bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) das Referat Psychologische Aspekte neuer Religiosität, Religion und Gesundheit. Die Mitgliederzahlen bekannter Gruppen wie Mormonen, Scientology oder Jehovas Zeugen stagnierten jedoch tendenziell.

"Klassische Gruppen wie Mormonen, Scientology oder Jehovas Zeugen dümpeln so vor sich hin. Dafür gibt es in anderen Bereichen viele neue, kleine Grüppchen."
Michael Utsch, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW)

Zum einen habe das mit den Migrationsbewegungen zu tun, erklärt Utsch. Wenn etwa Russlanddeutsche extrem konservative christliche Gruppen bilden. Außerdem gebe es zum Beispiel koreanische Heilungsgruppen oder schamanische Gruppen aus Asien und Südamerika, die in Deutschland Fuß fassen.

Migration, "Heilungsmarkt", Coaching-Markt

Zum zweiten werde der Heilungsmarkt der Alternativmedizin immer größer. Am Rande des Gesundheitsmarktes böten dort durchaus fragwürdige bis gefährliche Leute ihre Dienste an. Etwa Angebote, die Interessierte in ein früheres Leben zurückführen wollen, um dort Gründe für Ängste oder Depressionen zu finden.

Auch im Weiterbildungs- und Coaching-Markt gebe es fragwürdige Gruppierungen mit sektenähnlichen Strukturen, so Utsch.

Zeitalter der Selbstoptimierung

Der Hang zur Selbstdisziplin und Selbstoptimierung sei in unserer heutigen Zeit allgegenwärtig. Der Mensch steht deshalb unter einem ständigen Stress, erfolgreich, reich und glücklich zu werden.

"Wir leben in einer Zeit, die sehr unübersichtlich ist. Und in der das Diktat 'Mach was aus dir – optimiere deine Performance' sehr verbreitet ist."
Michael Utsch, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW)

Viele Menschen fühlten sich deshalb überfordert und sehnten sich nach einer Art Seelenführer, der sie anleitet. Sie delegierten die Verantwortung also an jemanden, der vorgibt, größere Zusammenhänge zu erkennen. Vielleicht halte diese Person sich sogar für erleuchtet oder glaube, kosmische Energien kanalisieren zu können, erklärt Utsch.

Auch viele Akademiker hätten diese tiefe Sehnsucht nach Sinn. Unter der Woche seien sie zum Beispiel Software-Programmierer, am Wochenende nähmen sie dann Engel-Coaching in Anspruch.

Beratung wird schwerer

Dass die Anzahl kleiner Gruppen und Einzelanbieter immer weiter zunimmt, erschwert Experten die Beratung von Menschen, die vielleicht einen Ausweg suchen oder Hilfe brauchen, schreibt der Verein Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. Den Überblick nicht zu verlieren, erfordert eine aufwendige Recherche nach verwendbaren Informationen.