"Wir alle wissen zu wenig über die Klitoris", sagt die Gynäkologin Mandy Mangler. Sie will das ändern: im öffentlichen Bewusstsein, in der medizinischen Ausbildung und beim Sex.
Forscher in früheren Jahrhunderten haben dieses komplexe Organ bereits erkannt und beschrieben: die Klitoris. Sie wussten, wozu sie da ist, haben sie gezeichnet und ihre Funktion verstanden.
Eine klitoriskompetente Gesellschaft für besseren Sex
Zu diesen Forschern gehört zum Beispiel der niederländische Anatom Reinier de Graaf, der 1672 die erste Zeichnung einer Klitoris anfertigte.
Ebenso der deutsche Anatom Georg Ludwig Kobelt. In seiner Schrift "Die männlichen und weiblichen Wollust-Organe des Menschen und einiger Säugethiere" aus dem Jahr 1844 merkte er an, dass die Klitoris zu wenig Aufmerksamkeit bekäme. (Sein Buch ist als Scan in den historischen Beständen der Uni Heidelberg lesbar.)
"Die Klitoris spielt in unserem Verständnis vom Begattungsgeschäfte eine so untergeordnete Rolle."
Der Gynäkologin Mandy Mangler wurde die Klitoris in ihrem Studium noch als kleines "Knöpfchen" verkauft. In ihrem Lieblings-Anatomie-Buch waren der Klitoris exakt drei Sätze gewidmet. Zum Penis gab es dagegen zwölf Seiten.
Das äußere Genital des Mannes kann übrigens jeder und jede zeichnen. Wohingegen ziemlich unbekannt ist, wie die Klitoris aussieht.
Die Wissenschaft kümmert sich mehr um den Penis als um die Klitoris
Dabei handele es sich um homologe Organe. Mangler sagt: "Klitoris und Penis – das sind zwei vom selben Stern!"
"Es gibt nur ein Orgasmusorgan bei Frauen und das ist die Klitoris. Alle Orgasmen der Frau geschehen über die Klitoris."
So wie der Penis das Orgasmus-Organ des Mannes sei, sei die Klitoris das der Frau. Auch wenn Sigmund Freud erfolgreich, wenngleich ohne wissenschaftliche Evidenz, den klitoralen Orgasmus abwertete. Stattdessen pflanzte uns der einflussreiche Psychoanalytiker den Mythos vom vaginalen Orgasmus ein.
Die Klitoris und ihre erfreulichen Funktionen fehlten im öffentlichen Bewusstsein, ebenso in Schulbüchern, so Mandy Mangler. Die Gynäkologin fordert eine "Klitoris-Kompetenz". Die Fähigkeit, sie bei lustvollem (Solo-)Sex zu bedienen.
"Wir haften eine Menge Scham an den Genitalbereich, der da gar nicht hingehört."
Mangler berichtet vom "Orgasmus-Gap". Demnach haben Frauen in heterosexuellen Beziehungen weniger Orgasmen als Männer, ebenso bei One-Night-Stands sowie insgesamt in längeren Beziehungen. Wohingegen Frauen in Frau-Frau-Beziehungen oder beim Masturbieren viel häufiger einen Orgasmus hätten. Das "Problem" sei also nicht die Funktionalität.
"Es handelt sich um ein User-Problem. Es ist kein Problem der Funktionalität."
Mandy Mangler ist Chefärztin für Gynäkologie und Geburtsmedizin an zwei Vivantes-Standorten in Berlin, am Auguste-Viktoria Klinikum und im Klinikum Neukölln. Zusammen mit der Journalistin Esther Kogelboom hat sie 2026 das Büchlein "Don't Miss the Clitoris. Eine Bedienungsanleitung" veröffentlicht. Am 1. September 2026 ist sie in unser Berliner Funkhaus gekommen und hat für uns ihren Vortrag unter dem Titel "Die Klitoris und wie man sie bedient" eingesprochen.
- Vortragsbeginn: Wie die Klitoris entdeckt und wieder vergessen worden ist
- Zur Anatomie
- Zum Orgasmus: Was die Klitoris kann
- Sextoys
