In den Niederlanden gibt es jetzt eine Plattform, die Sexarbeitende besser vor Gewalt und Diskriminierung schützen soll. Wir haben uns angesehen, wie diese Form der Gewaltprävention funktioniert.

Für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter sind Kunden und Kundinnen oft ein unkalkulierbares Risiko. In den Niederlanden soll die Plattform uglymugs.nl Sexarbeitende vor Gewalt und Diskriminierung schützen. Sie können sich auf der Seite anmelden und unter verschiedenen Optionen wählen:

  • Gewalttätigkeit oder Gefährdung durch Kundinnen oder Kunden melden
  • In einer Datenbank checken, ob es über bestimmten Menschen schon Warnungen gibt
  • Benachrichtigung per SMS, wenn jemand potentiell Gefährliches in der Nähe ist
  • Hilfe beim Anzeigen oder der medizinischen Dokumentation von Verletzungen nach Gewalterfahrungen bekommen

Viel Gewalt, wenige Anzeigen

Die Plattform Ugly Mugs ist auf Initiative der Gewerkschaft Proud und der Soa Aidsstiftung entstanden. Sexdienstleistungsbranche und Fachleute arbeiten bei Ugly Mugs eng zusammen. Finanziert und unterstützt wird die Plattform vom niederländischen Justizministerium.

Anlass war unter anderem das Ergebnis einer Befragung von Sexarbeitenden im Jahr 2018. Nur rund ein Fünftel der Befragten war wegen Gewalterfahrungen einmal oder mehrfach bei der Polizei, sagt Simone Temming von Ugly Mugs.

"Die Ergebnisse der Untersuchung waren ziemlich schockierend: 97 Prozent der Sexarbeiter:innen haben gesagt, dass sie im vergangenen Jahr Gewalt erfahren haben."
Simone Temming, Ugly Mugs

Aber: Fast alle Befragten haben angegeben, im fraglichen Zeitraum Gewalt erfahren zu haben. Doch viele haben Angst vor Stigmatisierung, Diskriminierung oder um ihre Privatsphäre und sind deshalb nicht zur Polizei gegangen.

Die erste Plattform dieser Art ist vor einigen Jahren in Australien gegründet worden. In Irland und Großbritannien gibt es Ugly Mugs seit zehn Jahren. Die niederländische Plattform ist nach dem britischen Modell aufgebaut worden. In Großbritannien ist die Plattform erfolgreich und hat rund 7000 aktive Mitglieder, die Sexarbeitende sind, sagt Simone Temming. In rund zehn Jahren seien 1,3 Millionen Warnungen vor gefährlichen Personen an die Community verschickt worden.

2019 wurden die Nutzer*innen in Großbritannien befragt und 40 Prozent haben angegeben, nach Warnungen potentiell gefährliche Kund*innen vermieden oder abgewiesen zu haben.

Ein Modell für Deutschland

Stephanie Klee, Sexarbeiterin und Vorsitzende des Bundesverbands Sexuelle Dienstleistungen findet die Plattform prinzipiell gut und kann sich diese auch für Deutschland vorstellen. Sie ist allerdings skeptisch, ob alle Sexarbeitende routinemäßige vorher Kund*innen überprüfen können.

"Die meisten Sexarbeiterinnen arbeiten auf der Straße oder in größeren Bordellen, wo es in kürzester Zeit zu einer Absprache kommt, man den Namen des Kunden nicht hat und nicht im Computer nachschauen kann."
Stephanie Klee, Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen

Auch datenschutzrechtlich könnte die Plattform in Deutschland an den Start gehen, da sie sich auf die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) beruft. Nach Artikel 6, Absatz 1, Satz f DSGVO ist es erlaubt, Daten zu speichern und weiterzugeben, wenn das notwendig ist, um "das berechtigte Interesse bestimmter Personen zu wahren". Oder anders gesagt: Um Sexarbeitende vor Gewalt zu schützen, ist es gerechtfertigt, Daten über gefährliche Personen zu sammeln und weiterzugeben.

Auch das Regelwerk der niederländischen Plattform orientiert sich an der DSGVO. Dort werde offengelegt, für welche Dauer Daten von Kund*innen gespeichert werden und in welcher Form sie weitergegeben werden dürfen.