Im antiken Rom dachte man anders über Sexualität nach als heute. Der Unterschied zwischen Homosexualität und Heterosexualität war viel weniger wichtig als die Frage, wer beim Sex der aktive und wer der passive Partner ist. Ein Vortrag des Historikers Jan Meister.

Der römische Dichter Catull scheute sich nicht vor sexuell expliziten Versen. In einem Schmähgedicht droht er zwei Kritikern eine Vergewaltigung an: "Ich fick' euch in Hintern und Mund!" So übersetzt der Historiker Jan Meister eine Zeile dieses Gedichts, mit dem er seinen Vortrag beginnt.

"Der Blick auf die antike Sexualität hat eine emanzipatorische Funktion für die Gegenwart. Die normativen Kategorien von Homo- und Heterosexualität erscheinen nicht mehr als biologische Konstanten sondern als historisch wandelbare soziale Konstrukte."
Jan Meister, Historiker

Jan Meister ist Althistoriker und lehrt an der Universität Bern. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören kulturelle Anthropologie und Körpergeschichte. In seinem Vortrag erzählt er, wie sich die Auffassung von männlicher Sexualität im Laufe des Römischen Reiches gewandelt hat. Dabei geht es nicht in erster Linie um Homosexualität. Denn das ist eine Kategorie, die für die Römer zunächst gar nicht so wichtig war.

"Der sexuelle Akt ist eng mit Hierarchie und Macht assoziiert. Wobei der aktive penetrierende Partner dominant und männlich erscheint, während der passiv penetrierte Partner als machtlos und unmännlich diffamiert wird."
Jan Meister, Historiker

Beim Sex spielten andere Unterscheidungen eine viel größere Rolle: Wer ist der aktive, penetrierende Partner? Dieser Part wurde mit Stärke, Macht und Männlichkeit assoziiert.

Gender des Partners: Ob Mann oder Frau spielte kaum eine Rolle

Ob der passive Sexualpartner eine Frau oder ein Mann war, spielte dabei kaum eine Rolle. Der, der sich penetrieren lässt, galt hingegen als weich und weiblich. Und wer sich gar darum bemühte, seinen Körper attraktiv für andere zu machen, der wurde verspottet.

"Ein Mann konnte nicht wahllos alles penetrieren, sondern hatte sich am Status des jeweiligen Partners zu orientieren. Freie römische Männer und schutzlose Knaben waren Tabu. [...] Mit neuzeitlichen Verboten von Homosexualität hat das nur bedingt etwas zu tun. Denn derselbe Akt mit einem Sklaven oder Nicht-Bürger stellte für die Römer kein Problem dar, solange der Sklave die passive Rolle einnahm."
Jan Meister, Historiker

Auch die Frage, welchem sozialen Stand die Sexualpartner angehörten, war wichtig. Wenn ein freier Bürger Sex mit einem männlichen Sklaven hatte, dann war das kein Problem, solange der Sklave der passive Partner war. Sich als freier Mann penetrieren zu lassen, aber galt als verwerflich.

"Die Kategorien von aktiv Penetrierenden und passiv Penetrierten funktionieren ganz anders als die modernen Konzeptionen von Homo- und Heterosexualität."
Jan Meister, Historiker

Der Vortrag

Jan Meisters Vortrag hat den Titel "Von 'weichen Männern' zur 'Sünde von Sodom'. Vorstellungen von Männlichkeit und homosexuellen Praktiken in der römischen Antike". Er hat ihn am 27. Januar 2022 gehalten im Rahmen der Vorlesungsreihe "Sodomiter, Päderasten, Homosexuelle. Mann-männliches Begehren und sexuelles Handeln von der Antike bis zur Ehe für alle" des Historischen Instituts der Universität Bamberg.