Marie-Sophie Roznblatt ist 30 Jahre alt und hat einen lustigen Spitznamen: Fräulein Fikki-Fikki. Das hat damit zu tun, dass sie gerne und sehr offen über Sexualität spricht – mit Fremden in einer Sexualsprechstunde. Angefangen hat das alles vor mehr als zehn Jahren in einem Slum in Indien.

2006 war ich 19 Jahre alt und fest entschlossen, die Welt zu retten. Ich hatte davor eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin gemacht. Kurz nachdem ich damit fertig war, ist eine Freundin von mir aus Indien zurückgekommen. Sie hat mir und meinem besten Freund damals von einer Slumklinik in Delhi erzählt. 

"Ich war 19 Jahre alt und fest entschlossen, die Welt zu retten."
​​Marie-Sophie Roznblatt

In dieser Klinik gab es keine Schwestern oder Ärzte mehr und die suchten damals nach jemandem, der die Klinik leiten konnte. Für uns klang das nach Abenteuer, Freiheit und es passte auch gut zu unserem Plan die Welt zu retten. Zur Erinnerung: Mein bester Freund und ich, wir waren damals 19 und 28 Jahre alt.

Wir sind dann also losgefahren, mit viel Optimismus und einem Hindi-Englisch Wörterbuch im Gepäck. Unser Ziel war Okhla, ein Slum mitten in Neu-Delhi. Hier leben so viele Menschen wie in ganz Berlin. Es gab aber nur diese eine winzige Klinik, oder besser gesagt, das was 2007 davon übrig war. Unsere Freundin hatte uns nicht erzählt, dass sich seit zehn Jahren kein Arzt mehr um die Klinik gekümmert hatte.

Als wir in Okhla an der Klinik ankamen, standen wir also vor einer Wellblechhütte mit sieben Plastikstühlen, einem Klapptisch und einem Arztkoffer. Das hatten wir uns anders vorgestellt, aber wir waren jung, optimistisch und auch ein bisschen hochmütig. Vielleicht hätten wir uns sonst auch gar nicht auf das Abenteuer eingelassen. Wir waren uns einfach sicher: Die haben hier nur auf uns gewartet.

Unser Ziel: Wir wollten eine Klinik aufbauen, die vor allem den Frauen im Slum zu Gute kommt. Wir dachten auch, dass wir wissen, was das Beste für diese Frauen ist: Hygiene, Stillen und endlich moderne Schulmedizin. Aber soviel kann ich jetzt schon sagen: Wir haben ziemlich schnell kapiert, dass unsere Absichten vielleicht gut gemeint, aber ganz schön überheblich waren. 

"Wir waren jung, optimistisch und auch ein bisschen hochmütig. Gut gemeint aber ganz schön überheblich."
​​Marie-Sophie Roznblatt

"Ich habe ein Problem mit meinem Penis"

Die erste Patientin, die mir auf dem Plastikstuhl gegenüber saß, hat sich als Sunita vorgestellt, Mutter von vier Kindern, vielleicht neunzehn Jahre alt. So alt wie ich. Sunita hat damals auf einer Baustelle gearbeitet, den ganzen Tag hat sie Steine und Sand in einer Schüssel auf dem Kopf hin- und hergeschleppt. Aber das habe ich erst später erfahren. Damals sehe ich erstmal eine Frau, im pinken Sari. Sie sagt Namasté und dann sagt sie etwas auf Hindi, das ich nicht verstehe, aber sie versteht, was ich sage: "Help? Do you need help?"

Sunita zeigt zwischen ihre Beine und sagt dann sehr langsam: "Ich habe ein Problem mit meinem Penis." Ich bin mir erst nicht sicher, ob ich sie wirklich richtig verstehe und schaue im Hindi-Englisch-Wörterbuch nach. Dann sage ich: "Oh, Sie meinen ein Problem mit Ihrer Vagina, nicht?"  Sunita schüttelt den Kopf. "Was ist eine Vagina?" fragt sie mich und zeigt zwischen ihre Beine. "Ich habe ein Problem mit meinem Penis."

'Was ist eine Vagina?' fragt mich Sunita und zeigt zwischen ihre Beine."
​​Marie-Sophie Roznblatt

Ich war in diesem Moment ziemlich perplex. Und weil ich keine befriedigende Antwort für Sunita und ihr Problem habe, steht sie auf und nickt mir zu: "Wenn Ihnen doch etwas für meinen Penis einfällt, dann komme ich nochmal wieder."

Ich glaube, ich hab Sunita damals einfach nur hinterhergestarrt – und ich war in dem Moment sprachlos und sehr hilflos. Denn es war viel komplizierter, als ich mir das hier alles vorgestellt hatte. Und wenn Sunita so mutig war, einfach zu mir zu kommen, dann musste ich beim nächsten Mal eine bessere Antwort haben. Sunita hat mir eine der wertvollsten Lektionen meines Lebens erteilt: Es gibt Frauen wie sie, die kein Wort für ihr eigenes Geschlechtsorgan haben. 

Sexuelle Aufklärung statt Welt retten

Und so war Sunita war letztlich diejenige, wegen der ich meinen Plan die Welt zu retten auf Eis gelegt habe. Es ging meinem besten Freund und mir jetzt nicht mehr um Stillen, Hygiene und moderne Schulmedizin. Wir wollten stattdessen über Penisse, Vaginas, Verhütung und Familienplanung reden. Schließlich hatte auch meine Großmutter, die niemals rot wurde, schon immer zu mir gesagt: "Man muss tun, was getan werden muss."

"Sexualität war für die indischen Frauen vor allem scham- und angstbesetzt."
​​Marie-Sophie Roznblatt

Die Frauen haben uns am Anfang einfach nur angestarrt. Klitoris, Eileiterschwangerschaft und Verhütungsmethoden – das waren Themen, die sie gar nicht mit ihrem eigenen Körper in Verbindung bringen konnten. Sexualität war für sie vor allem scham- und angstbesetzt. 

Das fing schon bei der Menstruation an. Keine der Frauen hatte Zugang zu Hygieneprodukten, sondern die Frauen haben während ihrer Tage einfach altes Zeitungspapier oder Lumpen benutzt. Das hat ihr Gefühl dreckig und schmutzig zu sein noch vergrößert. Die Frauen hatten auch Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft. Obwohl viele von ihnen schon Kinder hatten, waren sie unsicher, wie lange eine Schwangerschaft überhaupt dauert. Dazu kam die Angst, dass ihr Neugeborenes das erste Lebensjahr nicht überleben würde. 

"Lieg still, leg dir ein Stück Holz zwischen die Zähne, und vor allem sprich nicht darüber: Das da unten ist Männersache - so wurde im indischen Slum über Sex gesprochen."
​​Marie-Sophie Roznblatt

Keine der Frauen brachte Sex mit Intimität, körperliche Nähe oder Liebe in Verbindung. Informationen über Sex haben nur die älteren Frauen vermittelt und dann meist in diesem Ton: Lieg still, leg dir ein Stück Holz zwischen die Zähne, und vor allem sprich nicht darüber. Das da unten ist Männersache.

Uns fehlten die Worte - und zwar für die Bedürfnisse und für die Fragen dieser Frauen. Sie wollten vor allem wissen, wie es beim Sex aufhört, weh zu tun, wann Männer denn aufhören es zu tun, und ob Zitronensaft wirklich ein Verhütungsmittel war.

Die Männer setzen die kleine Klinik in Brand

Und dann kamen noch die Männer der Frauen ins Spiel. Unsere Aufklärungssprechstunde haben sie mit Misstrauen betrachtet, denn über all diese Dinge spricht man nicht. Über diese Dinge sprechen nur Prostituierte. Irgendwann schlug das Misstrauen in offene Wut um. Bald darauf flogen Steine gegen die kleine Klinik und dann haben die Männer die Klinik in Brand gesteckt.

Aber wir wollten nicht einfach so aufgeben, darum saßen mein bester Freund und ich ziemlich schnell wieder auf den Plastikstühlen. Wenn wir mit den Frauen über Sexualität reden wollten, mussten wir die Männer mit an den Tisch bekommen.

Sex - eine schmerzhafte Erfahrung

Genau das haben wir dann gemacht: Eine Aufklärungssprechstunde für Männer und eine für Frauen. Ähnlich wie die Frauen, fanden auch die Männern Sexualität angsteinflößend. Weil sie unter Druck standen, sich sexuell beweisen zu müssen, besonders potent sein zu müssen. Unerfahrenheit und eigene Ängste haben nicht zu dieser Wahrnehmung gepasst.

Sexualität war und ist in Indien auch immer eine öffentliche Angelegenheit. Nach der Hochzeitsnacht muss ein blutiges Laken vorgezeigt werden und viele Männer und Frauen glauben, dass wenn nicht mindestens ein Liter Blut geflossen ist, hat der Sex nicht richtig funktioniert. So war und ist die Hochzeitsnacht oft kein gemeinsames Kennenlernen, sondern eine schmerzhafte Erfahrung.

Mit der Zeit haben wir alle in unserer Sprechstunde unsere Zurückhaltung verloren. Ich habe viel über meine eigenen Tabus gelernt. Mittlerweile kann ich vollständig und ohne rot zu werden auf Fragen wie diese antworten: "Ich trinke am liebsten mein Sperma, aber oft schmeckt es sauer, wie kann ich den Geschmack verbessern?" Ich empfahl Mango-Lassi und warnte vor Chili.

"Ich habe viel über meine eigenen Tabus gelernt und kann ohne rot zu werden, Tipps zur Verbesserung vom Geschmack des eigenen Spermas geben."
​​Marie-Sophie Roznblatt

Seit zehn Jahren kennen mich die Leute in diesem indischen Slum mittlerweile als "das Fräulein, das immer über Sex redet". Sunita, die Frau mit der alles begann, klärt heute selber auf. Sie ist Hebamme geworden und Aufklärungsspezialistin für die Mädchen im Slum. Ihr Problem mit dem Penis übrigens war eine simple Blasenentzündung.

Alle Jugendlichen in Ohkla wissen heute, was ein Penis und was eine Vagina sind. Sie wissen, dass Nein, Nein heißt und Kondome keine Luftballons sind. Und die Männer, die damals am lautesten gegen unsere Aufklärungssprechstunde protestiert haben, schicken heute andere Männer zur uns.

Ich selbst bin nach einem Jahr in Indien zurück nach Europa gegangen. Ich hab angefangen zu studieren, nebenbei bin ich Expertin für unglückliche Liebesgeschichten geworden. Und wann immer ich Zeit hatte, bin ich zurück nach Indien geflogen. Aus den sieben Plastikstühlen wurde dann wieder eine Klinik. 

Lernen von der Kölner Silvesternacht

Sexualaufklärung ist mein Herzensthema. Nur, dass ich irgendwann auch hier Deutschland genau dasselbe tun würde, das hatte ich nicht gedacht. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass wir hier sexuell aufgeklärt sind. Bis zum 31. Dezember 2015. Konkret bis zur Kölner Silvesternacht.

Damals haben überwiegend junge, männliche Migranten aus Nordafrika auf der Kölner Domplatte Frauen sexuell belästigt, manche sogar vergewaltigt. Danach war von der Armlänge Abstand zu hören, die Frauen zu Männern halten sollten. Schon immer haben Mütter und Väter ihren Töchtern geraten, Nachts dunkle Wege zu meiden. Selbst meine Großmutter hat immer energisch darauf bestanden, dass ich stets genug Geld dabei habe, um allein nach Hause zu kommen.

Die Kölner Silvesternacht war für mich, obwohl ich gar nicht betroffen war, mindestens so lehrreich wie meine Zeit in Indien. Sie hat mir gezeigt: Trotz der sexuellen Revolution der 60er und 70er Jahre, trotz Aufklärungsunterrichts in Schulen, trotz des Bravo-Doktor-Sommer-Teams, trotz unseres Selbstverständnis als total aufgeklärte Gesellschaft, in der ein Nein immer Nein bedeutet, in der Frauen über ihre Sexualität genauso bestimmen wie Männer - trotz alldem stimmt bei uns etwas nicht. 

"Die Kölner Silvesternacht war für mich mindestens so lehrreich wie meine Zeit in Indien. Sie hat mir gezeigt: Bei uns stimmt etwas nicht."
​​Marie-Sophie Roznblatt

Nach der Kölner Silvesternacht wurde diskutiert – über mehr Videoüberwachung, strengere Sicherheitskontrollen oder Alkoholverbotszonen. 

Um einiges konstruktiver fand ich die Idee einer befreundeten Ärztin. Sie hat eine Praxis in einer kleinen Stadt irgendwo in Deutschland. Wie in vielen anderen deutschen Städte waren hier im Herbst 2015 Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea und dem Maghreb angekommen. Der Bürgermeister hatte damals gesagt: "Wir wollen hier kein Köln."

Und diese Ärztin dachte sich: "Ok, dann müssen wir etwas dafür tun." Und da sie mich kannte, hat sie mich gefragt: "Könntest du dir vorstellen, dass du deine Aufklärungssprechstunde auch bei mir in der Praxis anbietest für Flüchtlinge?"

Ich musste lachen, ganz spontane erste Reaktion. Und dann habe ich direkt ja gesagt. Ich hatte die Stimme meiner Großmutter im Ohr: "Man muss tun, was getan werden muss." Und ich bin überzeugt: Das einzige, was gegen sexuelle Gewalt hilft, ist Sexualaufklärung.

"Ich bin überzeugt: Das einzige, was gegen sexuelle Gewalt hilft, ist Sexualaufklärung."
​​Marie-Sophie Roznblatt

Seit diesem Anruf im Januar 2016 kommen einmal im Monat 20 Männer zwischen 16 und 36 in diese Praxis. "Herzlich willkommen", sage ich jedes Mal, "lassen Sie uns über Sex reden." Es ist eine Aufklärungssprechstunde für Männer, weil der Großteil der Flüchtlinge männlich ist und weil wir in Indien gelernt haben: Offenheit funktioniert mit Männern am besten, wenn sie nicht gleichzeitig versuchen, Frauen zu beeindrucken.

Dann herrscht meistens erstmal Schweigen. Niemand will der erste sein und niemand will aufstehen und die Frage stellen, die ihm schon lange auf dem Herzen liegt. Zum Beispiel: "Hallo, ich bin Ahmad, 32 Jahre alt und unsicher, ob Kokosöl meinen Penis länger macht."

Um diese peinlichen Momente zu vermeiden, gibt es vor der Praxis einen Briefkasten. Da kann jeder anonym einen Zettel reinwerfen. Die meisten Zettel im Briefkasten sind Bilder. Sie zeigen überlange Penisse, zu kurze Penisse, Penisse die traurig nach unten hängen oder einfach nur ein Fragezeichen. Ich finde diese Penisbilder prima, denn sie zeigen ziemlich deutlich, welches Bild ein Mann von seinem Penis hat: Für manche ist er ein Knochen, für andere im erigierten Zustand hart wie ein Stahlrohr. Andere denken, es gibt zwei Meter lange Penisse. Dieses Vorurteil kann ich immer ziemlich einfach mithilfe eines Maßbands widerlegen. Ich habe immer eins dabei – für den Fall der Fälle.

"Für manche ist er ein Knochen, für andere ein Stahlrohr. Andere denken, es gibt zwei Meter lange Penisse."
​​Marie-Sophie Roznblatt

Wer Penis sagt, muss auch die Vagina kennen. Denn Aufklärung ist kein Selbstgespräch, sie braucht das Miteinander. Ideal wäre eine gemeinsame Aufklärungssprechstunde für Männer und Frauen, aber das ist noch ein weiter Weg.

Nach dem Penis geht es um die Vagina: Ich zeichne auf ein großes weißes Blatt den Umriss eines Frauenkörpers. Ich lasse jeden Mann einzeichnen, wo er die Vagina vermutet. Fast alle Männer markieren sie auf der Höhe des Bauchnabels. Es klingt banal, aber wichtiger als 100 Tipps für mehr Spaß im Bett, ist grundlegendes Wissen über den Körper zu vermitteln.

Manchmal kommt mir auch der Zufall zu Hilfe. Ein Mann war einmal felsenfest davon überzeugt, dass seine Frau während der Menstruation unsauber sei, und nicht im Ehebett schlafen dürfe. Seine Mutter habe ihm das so beigebracht. Zufällig bekam dieser Mann irgendwann heftiges Nasenbluten. Ich habe zwei Tampons ausgepackt und sie ihm in die Nase gesteckt. Dann habe ich erklärt, was ein Eisprung ist und warum Frauen überhaupt bluten. Danach wusste jeder Mann im Raum wie viel Blut eine Frau während der Menstruation verliert. Etwa 60 Milliliter nicht sechs Liter. Der gleiche Mann schickt heute Hygieneprodukte nach Afghanistan. 

"Wichtiger als 100 Tipps für mehr Spaß im Bett, ist grundlegendes Wissen über den Körper zu vermitteln: Wo ist die Vagina und warum blutet eine Frau?"
​​Marie-Sophie Roznblatt

In der Aufklärungssprechstunde spielen wir auch Rollenspiele: Ein Mann schlüpft in die Rolle einer Frau. Die restlichen Männer aus der Gruppe gehen an ihr vorbei und sagen, was sie einem Mädchen in so einer Situation vielleicht sagen würden. Einer hat mal gesagt: "Hey Du Fotze!" Der Mann, der alleine da stand, hat der Gruppe danach erzählt, wie er sich dabei fühlt, in der Rolle eines Mädchen, dass von fünf körperlich überlegenen Männern bedrängt wird. Ziemlich mies, war die Antwort.

Mit dieser Übung verstehen die Männer etwas ganz wichtiges: Sexualität hat Regeln. Die Regeln aber definieren in Deutschland nicht die älteren Brüder, Mütter oder die Onkel, sondern die Gesellschaft selbst. Dazu gehört auch, dass es ein Sexualstrafrecht gibt, das klare Grenzen formuliert. 

Männer müssen Zurückweisung lernen

Die Regeln gelten für alle, Männer und Frauen, heterosexuelle und homosexuelle Paare, die in Deutschland ihre Sexualität leben. Erlaubt ist es zum Beispiel einen Liebesbrief zu schreiben und abzuschicken. Im direkten Kontakt gilt eine andere Regel: Bevor ein Mann auf eine Frau zugeht und sagt: "Baby du bist zauberhaft. Und Babe, was du für Augen hast" sollte er erstmal "Hallo" sagen.

Nicht erlaubt ist es, eine Frau oder einen Mann ohne deren Einverständnis zu berühren, geschweige denn ihr oder ihm einen Kuss auf die Wange zu geben oder eine Hand zwischen die Beine zu schieben: Nein heißt Nein. Das war auch schon vor der #MeToo Bewegung so. Womit viele der Männer klar kommen müssen, die in die Sexualsprechstunde kommen: Zurückweisung. Das ist normal, Sexualität leben, heißt immer auch Frustrationen auszuhalten.

Viele der jüngeren Männer in der Sprechstunde, die zwischen 16 und 21 Jahren alt sind, haben oft noch gar keine sexuellen Erfahrungen gemacht. Noch nicht mal Händchenhalten oder Knutschen. 

Dafür hatte einer der Männer in einem HipHop Video mal gesehen, wie ein Rapper einer Frau Dollarscheine hinterherwarf und sie ihn dafür küsste. Er kam ganz aufgeregt in die Sprechstunde und sagte: "Ich habe einem Mädchen zehn Euro für einen Kuss angeboten, aber sie hat mich voll ausgelacht, wie kann das sein, ey? Sie sagen doch immer, Komplimente sind voll wichtig." Jeder zurückgeschickte Liebesbrief, jedes zurückgewiesene Kompliment ist eine Herausforderung, die es zu bewältigen gilt. Natürlich hat er sich hinterher entschuldigt.

Selbstbefriedigung hilft gegen sexuelle Frustration

Darum rede ich in der Sexualsprechstunde auch gerne über Selbstbefriedigung. Denn sie lenkt das Interesse für einen anderen auf sich selbst. Das eigene Sexualleben fängt doch meistens damit an, dass Menschen sich selbst berühren. Und so rausfinden, was sich gut anfühlt und was nicht. Nur wer das weiß, kann später einem anderen klar machen, was er will – und was eben nicht. 

"Ich rede gerne über Selbstbefriedigung. Sie lenkt das Interesse für einen anderen auf sich selbst."
​​Marie-Sophie Roznblatt

Ganz oft, kommen dann Fragen wie: Macht Masturbation blind? Ist es ein Zeichen von Charakterschwäche? Alle Fragen sind in der Sprechstunde erlaubt. Die Männer sollen verstehen: Du bist normal und deine Bedürfnisse sind es auch.

Ficken kann eben nicht jeder. Sex ist eine Kulturtechnik, die wir lernen und über die wir sprechen müssen. Für die Männer in der Sprechstunde geht es dabei um so Fragen wie: Wie stelle ich Intimität her? Wie spreche ich eine Frau an? Wann ziehe ich mich eigentlich aus? Aufklärung geht uns alle an. Und damit meine ich uns alle, nicht nur die Flüchtlinge. 

"Ficken kann eben nicht jeder. Sex ist eine Kulturtechnik, die wir lernen und über die wir sprechen müssen."
​​Marie-Sophie Roznblatt

Aufklärung geht uns alle an

Vor drei Monaten war ich in München. Ein ganz normaler Samstag, eine ganz normale Fahrt mit der U-Bahn, Innerer Ring, vier Männer in Ledertracht, die zwei junge Mädchen bedrängt haben. Mit den Worten: "Eure letzte Chance für einen Superfick." Die Mädchen waren vielleicht vierzehn Jahre alt.

Eine andere Frau und ich waren die einzigen, die die Männer unterbrochen haben. "Schluss jetzt, lasst die Finger von den Frauen. Raus oder wir rufen die Polizei!" haben wir geschrien. Die meisten anderen Fahrgäste haben betreten auf dem Boden geguckt und geschwiegen. So lange so etwas passiert, ist Aufklärung noch nicht bei jedem angekommen.

Egal ob in Neu-Delhi, Afghanistan oder Deutschland - die Ängste sind überall groß und sie ähneln sich: davor die Partnerin zu verletzen, sich lächerlich zu machen, bloßgestellt zu werden und allein zu bleiben, mit diesem innigen Wunsch, einen anderen Menschen zu finden, der sagt: Ich will dich.

Sexualaufklärung ist darum unglaublich intim. Es geht immer um die eigenen Unsicherheiten und darum miteinander im Gespräch zu bleiben, egal ob im Bett oder in der Bahn. Manchmal habe ich aber das Gefühl, dass ich mit dieser Ansicht ziemlich alleine da stehe. Zumindest hat sich in Deutschland auf politischer Seite nicht viel getan. Unsere Sexualsprechstunde in der deutschen Kleinstadt ist eine Ausnahme.

"Bei Sexualaufklärung geht es um die eigenen Unsicherheiten und darum, im Gespräch zu bleiben. Egal ob im Bett oder in der Bahn."
​​Marie-Sophie Roznblatt

Immer wenn ich dabei bin, den Mut zu verlieren, erinnere ich mich an Herrn G., 62 Jahre alt, geflüchtet aus Afghanistan, der vor einem halben Jahr einmal in die Aufklärungssprechstunde gekommen ist. Er sagte: nur zum Zuhören. Nach der Sprechstunde hat er mir seinen Daumen und eine Narbe gezeigt, die fast verblasst war. Ich fragte ihn: "Ein Unfall?" Und Herr G. hat dann ganz viel und ganz schnell auf Paschtunisch erzählt. Darum hab ich eine Weile gebraucht, bis ich kapiert habe, dass er mir von seiner Hochzeitsnacht erzählt hat. 

Aufklärung ist ziemlich wunderbar

In dieser Nacht hat er sich mit dem Messer in den Finger geschnitten, und den Finger auf das Bettlaken drückte, um die Familie zu überzeugen, dass das geht, das mit der Frau und ihm und ich sagte: "Genial."

Irgendwann hat Herr G. sich verabschiedet mit den Worten: "A place like this in Afghanistan and in everywhere and no man hurt no woman." 

Das ist Aufklärung, dachte ich, no man hurt no woman, nicht in Afghanistan, nicht in Deutschland, nirgendwo. 

Aufklärung ist ziemlich wunderbar. 

Marie-Sophie Roznblatt hat in Los Angeles studiert und dort 2012 mal einen männlichen Pornodarsteller kennengelernt. Dieser Mann konnte völlig emotionslos über seinen Körper sprechen und hat Marie-Sophie Einblicke in die männliche Sexualität gegeben, die für ihre Sexualsprechstunden noch immer ziemlich wertvoll sind.