Wer war Sigmund Freud? Manche sagen: Der begnadete Begründer der Psychoanalyse, der immer alles richtig analysiert und behandelt hat. Andere behaupten: Eine Art Kaiser, der keinerlei Kritik an seiner Lehre vertrug. – Wissenschaftshistoriker Andreas Mayer auf Spurensuche.

Sigmund Freud ist mittlerweile vielen so bekannt, wie er in der gleichnamigen Netflix-Serie dargestellt wird: als windiger und verkokster Scharlatan, der durch die Wiener Kanalisation jagt. Mit diesem dort konstruierten Bild hat der wahre Sigmund Freud jedoch nichts bis wenig gemeinsam, auch wenn er sich im späten 19. Jahrhundert tatsächlich der Erforschung des Kokains gewidmet hatte.

Legenden, Wundergeschichten, Überhöhungen und Erniedrigungen – all das hat Freud während und nach seinen Lebzeiten begleitet, sagt der Soziologe und Wissenschaftsforscher Andreas Mayer in seinem Vortrag.

Freud: Ein Mann – viele Legenden

Ein Grund für seine legendenumwobene Persönlichkeit könnte Freuds tiefe Aversion gegen Biografien gewesen sein – eigene hat er immer versucht zu verhindern, seinen Biografen wünschte der Psychoanalytiker nur das Allerschlechteste. Vielleicht hat gerade das den Spekulationen über das wahre Leben des Forschers immer neues Feuer gegeben. Laut Andreas Mayer wollte Freud aber von der Welt einfach nur in Ruhe gelassen werden.

"Diese sollen sich plagen. Ich freue mich schon, wie sie sich irren werden. Wer Biograf wird, verpflichtet sich zur Lüge."
Sigmund Freud über Biografen

Der Forscher räumt auch mit gängigen Behauptungen auf, wonach im Mittelpunkt von Freuds Behandlungsmethoden stets seine "Couch" gestanden habe: In Wahrheit habe Freud niemals von einer Couch geredet, sondern vielmehr von einem Sofa...

Der Vortrag

Andreas Mayer ist Direktor für Nachforschungen am Centre National de Recherche Scientifique in Paris. Gleichzeitig lehrt er Wissenschaftsgeschichte an der Ecole des Hautes en Sciences Sociales (EHESS). Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte der Human- und Sozialwissenschaften und der Psychoanalyse. Dazu hat er zahlreiche Bücher publiziert. Vorgetragen hat er am 18. März 2020 unter dem Titel "Freud und die Geschichte der Psychoanalyse: Jenseits der biografischen Illusion", Veranstalter war das Wissenschaftskolleg zu Berlin.