An der Universität Duisburg-Essen sollen Medizinstudierende in Simulationstrainings lernen, wie sie sich gegenüber psychisch kranken Menschen am besten verhalten. Dafür bekommen sie Schauspielstudierende an die Seite gestellt, die Menschen mit verschiedenen Krankheitsbildern darstellen.
Eigentlich stehen Micha und Francesco die meiste Zeit auf der Bühne oder im Probenraum, denn sie studieren Schauspiel an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Ab und zu schlüpfen sie aber auch in eine eher ungewohnte Rolle: Sie stellen psychisch kranke Personen dar und anstatt wie auf der Bühne alles von sich preiszugeben, müssen sie sich hier darauf konzentrieren, eher zurückhaltend zu agieren. Gerade Depression sei oft mit Scham behaftet und werde von Betroffenen nur ungern direkt preisgegeben, sagt der Schauspielstudent Micha.
Schauspielstudent Micha sitzt in einer medizinischen Simulationsprüfung
© Ann-Kristin Pott
Micha sitzt vor seinem Skript und einem Video-Call mit den Medizinstudierenden
Am anderen Ende der Leitung sitzen freiwillige Medizinstudierende der Universität Duisburg-Essen. Sie kennen die Arbeit mit Simulationspatienten schon aus Fächern wie Chirurgie, bei der sie beispielsweise Herz oder Lunge von Schauspielerinnen und Schauspielern abhören. Jetzt soll das Simulationstraining auch im neuen Fach "Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie" getestet werden.

So realistisch wie möglich

Damit die Gespräche realistisch ablaufen, müssen die Schauspieler die Symptome der zugeteilten psychischen Erkrankung kennen. Dafür bekommen sie ein Rollenskript mit Informationen über das typische Verhalten der Figur, über die akuten Probleme und die Familiengeschichte, das sie dann auswendig lernen.

Das Skript üben und besprechen sie dann mit Ärzten und Theaterpädagogen. Francesco hat schon einmal als Simulationspatient gearbeitet. Einen psychisch Kranken hat der 21-Jährige aber bisher noch nicht dargestellt. Auch er müsse sich gut in die Stimmung hineindenken, aber noch anspruchsvoller sei es, darauf zu achten, nicht zu viel oder zu schnell zu reden, sagt er.
"Ich musste mich manchmal zügeln, dass ich nicht zu schnell oder zu viel rede und ich mir das aus der Nase ziehen lasse und viel zögere."
Francesco, Schauspielstudent der Folkwang Universität der Künste in Essen

Abstrakte Situationen erfahrbar machen

Für einen der Medizinstudierenden, die namentlich nicht genannt werden wollen, stelle das Simulationstraining eine sehr gute Gelegenheit dar, das gelernte Wissen nicht mehr nur als abstraktes Wissen auf Papier wahrzunehmen, sondern es auch in der Praxis anwenden zu können.

"Gerade Psychiatrie ist meiner Meinung nach sehr abstrakt zu lernen und dass man da durch Schauspielpatienten Handwerkszeug auf den Weg kriegt, find ich sehr gut."
Ein Medizinstudierender, der an der Simulationsprüfung teilnimmt
Depression, Panikstörung oder Essstörung – in der Prüfung müssen die Studierenden dann drei Simulationspatienten diagnostizieren, die Symptome erkennen und zeigen, wie sie mit den Personen richtig umgeht. Danach erhalten sie von ihrer Professorin, der Psychiaterin Katja Kölkebeck, Feedback, um Fehler zu analysieren und mit einem Lerneffekt aus der Prüfung herauszugehen.

Nicht nur in der Psychologie relevant

Dass die Medizinstudierenden anstatt mit echten Patientinnen und Patienten mit Schauspielstudierenden üben, finden sie sinnvoll. So könnten sie Fehler machen, ohne, dass eine wirklich erkrankte Person dadurch zu Schaden käme. Denn manchmal brauche es einfach sehr viel Fingerspitzengefühl, um die richtigen Worte zu finden. Und das bekommt man meistens durch viel praktische Erfahrung.

"Ich glaube, da kann man nicht genug praktische Erfahrungen sammeln und Konfrontation mit solchen Patienten und in so einem Rahmen Fehler zu machen, ohne dass jemand verletzt wird."
Eine Medizinstudentin, die an der Simulationsstudie teilnimmt

Wie wichtig das Training ist, wird mit einem Blick auf die Zahlen für Deutschland verständlich: Bis zu 50 Prozent der Patientinnen und Patienten, die in ein allgemeines Krankenhaus kommen, haben ein psychisches Leiden, sagt Katja Kölkebeck. Es ist also egal, ob Internistin, Chirurg oder Psychiaterin – auf Patienten eingehen zu können, ihre Probleme zu erkennen und sie dementsprechend richtig beraten zu können, das sollten Ärzte aus allen medizinischen Bereichen beherrschen.

Unser Bannerbild zeigt einen Schauspielstudenten Francesco in einer Psychologieprüfung.