Wie wir Musik hören, hat einen Einfluss darauf, was wir hören. In der Popmusik hat sich der Gesang verändert. Popstars wie Billie Eilish und Lana Del Ray sorgen mir ihrem flüsternden, intimen Gesang für eine neue Singstimme und setzen laute, dominante Stimmen ab.

In der Popmusik steht sie im Mittelpunkt: die Stimme. Sie transportiert Gefühle und gibt die Atmosphäre des Songs vor. Für eine lange Zeit war die Soulstimme die Dominante unter den Singstimmen. Von den 1960er-Jahren bis in die 1980er-Jahre war eine gute Pop- und Soulstimme laut, sicher, deutlich in der Aussprache. Sie klang lebendig und ausdrucksstark, erklärt Produzent Christian Kalinowski, auch bekannt als Numinos. Als Dozent unterrichtet er am Pop-Institut der Folkwang Universität der Künste in Essen.

Technische Mittel verändern, was wir hören

Es war eine Stimme, die so laut ist, dass die Sänger*innen ihr Mikrofon absichtlich weiter weghalten mussten. Aretha Franklin zum Beispiel hatte eine Stimme, die all diese Eigenschaften verkörpert hat. Wie eine Popstimme klingt, hängt auch mit den technischen Mitteln zusammen, die es zu der Zeit gibt. Mikrofone, Lautsprecher und Kopfhörer beeinflussen, wie Sänger*innen im Tonstudio ihre Songs einsingen – und vor allem, was der Produzent oder die Produzentin im Anschluss daraus macht.

Von laut und lebendig zu flüsternd und intim

Ganz anders als Aretha Franklin hören wir heute beispielsweise Billie Eilish zu, wie sie ihre Worte leise in das Mikrofon haucht. Sie geht nah an das Mikro ran und ist präsent wie Aretha Franklin, wenn auch auf eine andere Art. Damit erschafft Billie Eilish eine neue Intimität zwischen sich und den Menschen, die ihr zuhören, sagt Numinos. Es ist eine Hyper-Intimität.

"Du hast das Gefühl, die Sängerin oder der Rapper flüstern dir gerade ins Ohr. Sie singen oder rappen nur für dich."
Christian Kalinowski aka Numinos, Produzent und Dozent an der Folkwang Universität der Künste

Das Hören per Kopfhörer verstärkt den Effekt. Die gehauchten Worte von Billie Eilish oder Lana Del Ray gehen so erst ins Ohr und dann in unseren Kopf. Wenn wir Musik alleine für uns über einen Kopfhörer hören, scheint die laute, starke Soulstimme aus der Vergangenheit fast schon erdrückend. "Du willst niemanden in deinem Kopf die ganze Zeit am Schreien haben", findet Numinos.

Intimer Gesang, intime Themen

Die Intimität, die Popmusiker*innnen wie Billie Eilish oder Lana Del Ray über ihre Stimme herstellen, passt auch zu den Themen, über die sie singen. Anders als den Herzschmerz und das eigenen Unglück laut herauszuschreien, sind sie in sich gekehrt und verbinden sich mit ihren Fans über die persönlichen Themen, die sie in ihren Songs ansprechen. Es geht darum, Nähe herzustellen. Eine inszenierte Nähe.

Künstliche Hyper-Intimität

Die Stimme und die Produktion dieser Stimme scheint damit wichtiger denn je. Für ihren Song "Bad Guy" habe Billie Eilish zusammen mit ihrem älteren Bruder und Produzenten Finneas die meiste Arbeit in die Stimme und die Harmonien gesteckt, wie sie in einem Interview mit dem Rolling-Stone-Magazin erklärt. Jedes Wort, jeder Atemzug seien aufeinander abgestimmt und durchdacht.

"Natürlichkeit ist nicht mehr das Ziel. Es soll nicht der gute, 'richtige' Gesang sein, sondern es soll tief aus deinem Innersten herauskommen."
Christian Kalinowski aka Numinos, Produzent und Dozent an der Folkwang Universität der Künste

Billie Eilish und ihr Bruder haben die einzelnen Teile des Songs jeweils in ihren Schlafzimmern zu Hause aufgenommen. Hochwertiges Equipment zu erschwinglichen Preisen macht das möglich. Vor zwanzig Jahren hätte alleine die Aufnahme für den Gesang einen Tag im Studio gekostet, erklärt Numinos.

Kompressor, Hall und Pitch Shifting

Im nächsten Schritt geht es an die Nachbearbeitung der Tonspuren. Der Kompressor macht die leisen Stellen lauter und die lauten wiederum leiser. Die Stimme klingt dadurch kompakter, durchsetzungsstärker, präsenter – besonders beim Hören über Kopfhörer. Hall und ein kurzes Delay geben der Stimme mehr Raum. Und durch Pitch Shifting wird die Aufnahme um eine Oktave höher oder niedriger verschoben.

Die Stimmfarbe der Sängerin oder des Sängers gibt dem Song den individuellen Klang. Die besondere Intimität wird aber vor allem durch die Produktion und Nachbearbeitung des Gesangs aufgebaut. Die Nähe spielt dann eine Natürlichkeit vor, die durchdacht und gewollt ist.