Rund die Hälfte aller Frauen und Männer in Deutschland sitzen mindestens 4,5 Stunden täglich. Sportwissenschaftler Ingo Froböse sieht das als kritisch an. Denn: Sport könne die fehlende Bewegung im Alltag nur bedingt ausgleichen. Er rät zu regelmäßigen Bewegungspausen, die über den Tag verteilt sind.

Sitzen wir jeden Tag zu lange, schadet das unserer Gesundheit: Eine entscheidende Grenze sind 4,5 Stunden. Ab diesem Zeitmarker können wir gesundheitliche Schäden, die wir über den Tag durch das lange Sitzen angesammelt haben, nicht mehr nachträglich durch Bewegung ausgleichen, sagt Sportwissenschaftler Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln.

Forschende der Universidad Rey Juan Carlos (URJC) Madrid kommen in einer Langzeitstudie zu dem Ergebnis: In Europa sitzen immer mehr Menschen mindestens 4,5 Stunden am Tag.

Für die Studie, die das Fachblatt BMC Public Health veröffentlicht hat, haben die Forschenden die Daten von rund 96.000 Erwachsenen analysiert, die sie im Zeitraum von 2002 bis 2017 erhoben haben.

Mehr als 4,5 Stunden täglich

In Deutschland sitzen 57 Prozent der Männer mehr als 4,5 Stunden am Tag. Damit ist die Zeit, die sie täglich sitzen, in den letzten 15 Jahren um 15 Prozent gestiegen. Bei den Frauen erreichen 50 Prozent die Grenze von 4,5 Stunden und darüber hinaus. Ihre Zeiten haben sich in dem Analysezeitraum kaum verändert.

Körper fährt runter

Das Problem an der Inaktivität: Schon nach ein bis zwei Stunden Sitzen fährt unser Körper den Stoffwechsel und den Kreislauf runter, unsere Atmung wird flacher und wir werden müde oder träge. Die fehlende Bewegung schwächt aber auch das Immunsystem, erklärt Sportwissenschaftler Ingo Froböse.

Langfristig habe das auch Folgen für die Herz-Kreislauf-Funktion: Das Herz und die Muskulatur werden schwächer. Das wiederum beeinflusse alle Systeme, die mit dem Herz-Kreislauf- und Stoffwechselsystem zusammenhängen. Das könne Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch Diabetes Typ Zwei verursachen.

Bewegung über den Tag verteilen

Unser Körper braucht also Stimulation, die über den Tag verteilt ist, sagt der Sportwissenschaftler. Er empfiehlt: Mindestens fünf Minuten pro Stunde sollten wir unsere Muskeln aktivieren – je mehr wir uns in dieser Zeit bewegen, desto besser.

Treppensteigen sei zum Beispiel hilfreich. Alleine beim Gang in einen anderen Raum, wie ein weiterliegendes Büro, steigt die Durchblutung im Gehirn um 30 Prozent, so Ingo Froböse. Bewegen wir uns hingegen ausschließlich in unserer Freizeit und sitzen tagsüber viel, könne diese Bewegung dann die Schäden der Inaktivität nicht aufwiegen.

"4,5 Stunden ist wirklich diese kritische Grenze. Denn dann kann die Stimulation nachträglich die Faktoren nicht mehr umkehren."
Ingo Froböse, Sportwissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln

Nicht nur unser Herz-Kreislauf und unser Stoffwechsel brauchen Bewegung, das gilt auch für den Rücken, die Gelenke und Muskeln. Denn: Körperliche Aktivität sorgt unter anderem dafür, dass der Knorpel in unseren Gelenken Nährstoffe aus der Gelenkflüssigkeit aufnimmt, erklärt Bernd Kladny, Chefarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie an der Fachklinik Herzogenaurach.

"Bewegung sorgt dafür, dass unsere Gelenke, unser Knorpel auch seine Nährstoffe aufnehmen aus der Gelenkflüssigkeit kann."
Bernd Kladny, Chefarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie an der Fachklinik Herzogenaurach

Passiere das nicht, weil wir zum Beispiel viel sitzen, werde der Knorpel porös und die Gelenke würden schmerzen. Die Bandscheiben kann das auch beschädigen, was Rückenschmerzen verursacht, sagt Bernd Kladny. Zumal eine schwache Muskulatur die Gelenke nicht in den richtigen Bahnen halte. Für unseren Bewegungsapparat brauchen wir eben Bewegung, so der Facharzt.