Ein entscheidender Faktor bei jeder Feier, ist ganz klar die Sitzordnung. Sie hat starken Einfluss darauf, ob sich nette Gespräche ergeben, ob sich Gäste langweilen – oder gar in Streit geraten. Auch in der Schule spielt es eine große Rolle, wer wo und neben wem sitzt. Und genauso ist es eben auch im Bundestag. Dort sitzen FDP und AfD zusammen. Die FDP hat jetzt allerdings angekündigt, dass sie woanders sitzen möchte – jedenfalls nicht mehr neben der AfD.

Im Bundestag sitzen sechs Fraktionen – mehr als 700 Abgeordnete – in einer Art halbkreisförmigen Block-Ordnung. An der Sitzordnung wird aber noch geschraubt, denn sie sorgt für Streit. Die FDP sitzt zwischen AfD und Union, findet jedoch, dass sie dort nicht hingehört: "Damit sind wir nicht einverstanden. Denn die freien Demokraten gehören in die Mitte des Parlaments", das sagte der FDP-Abgeordnete Marco Buschmann bereits im Jahr 2017. Seit dem hat sich allerdings nichts geändert. Es herrscht also immer noch genau der gleiche Streit wie vor vier Jahren und wieder ist keine Lösung in Sicht.

FDP-Fraktion und AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag. Vorne: Christian Lindner, Marco Buschmann, Beatrix von Storch, Alexander Gauland. Oktober 2017
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Die FDP will nicht mehr neben der AfD im Bundestag sitzen.
"Eine Sitzordnung kann Struktur geben, sodass man unter Umständen fokussierter ist auf das Geschehen."
Isabel Beck, Grundschullehrerin

Isabel Beck ist Grundschullehrerin an der Gottfried-Kinkel-Schule in Bonn. Sie sagt, eine Sitzordnung kann Struktur geben. Allerdings sei Sitzordnung nicht mehr das zentrale Thema. Denn Sitzordnung löse zwar einerseits Probleme, schaffe aber auch neue. "Es gibt immer jemanden, der sagt: Nein, neben dem möchte ich nicht sitzen. In der Schule gibt es also ähnliche Probleme wie im Bundestag.

"Ich verbinde das in meiner Erinnerung mit unheimlich viel Organisation, Zeit und Aufwand. Irgendwann war mir das einfach zu doof."
Isabel Beck, Grundschullehrerin

Isabel Beck hat die Sitzordnung einfach abgeschafft. Und jetzt sitzen die Kinder plötzlich neben Klassenkameradinnen, mit denen sie weder in der Pause zu tun haben, noch privat. "Sie stellen plötzlich fest: Mensch, der ist ja total Klasse, mit dem kann man ja zusammenzuarbeiten", berichtet sie.

Studie: Sitzordnung beeinflusst Freundschaften

An der Universität Leipzig haben Psychologen und Psychologinnen untersucht, was passiert, wenn sich Klassen mehr durchmischen. Das Ergebnis: Schüler und Schülerinnen befreunden sich deutlich häufiger miteinander, wenn sie zufällig nebeneinander gesetzt werden. Die Wahrscheinlichkeit einer Freundschaft steigt im Schnitt um knapp die Hälfte von 15 auf 22 Prozent. Lernkonzepte, die als besonders erfolgreich gelten, haben die Sitzordnung inzwischen längst hinter sich gelassen.

"Das haben wir ganz oft festgestellt, dass wir von vornherein gesagt haben, jeder kann mit jedem arbeiten, egal ob Mädchen oder laut oder leise."
Isabel Beck, Grundschullehrerin

Deutschlandfunk Nova-Reporter Stephan Beuting findet, dieses Konzept – freie Platzwahl, keine Sitzordnung – könnte man ja auch im Bundestag ausprobieren: "Gut, vielleicht sollte Beatrix von Storch aufhören, Marco Buschmann als Terroristen zu bezeichnen. Aber wenn sich alle etwas mäßigen, dann wäre das doch zumindest einen Versuch wert", sagt er.

Isabel Beck weiß aus Erfahrung, dass alle bei neuen Konzepten etwas zögerlich sind und Bedenken haben, "aber dann stellt man fest, es geht, es ist gut und ich entwickle mich selbst weiter. Das habe ich ganz spannend gefunden."

Vorschlag: Freie Platzwahl im Plenarsaal

Stephan findet, dass die politischen Herausforderungen groß sind und nur gemeinsam bewältigt werden können, deshalb sein Vorschlag: "Der 20. Deutsche Bundestag könnte der erste sein mit freier Platzwahl – ohne Fraktionshandtuch auf dem Stuhl. Wenn der Vorältestenrat Tipps zur Umsetzung braucht, einfach melden, ich geb dann Isabel Becks Mobilnummer gerne weiter."