Schwarze Kacheln oder Fridays-for-Future-Profilbilder: Im Internet können wir uns schnell solidarisch zeigen. Oder geht es doch nur um Selbstinszenierung? Wie wirksam Online-Proteste wirklich sind, besprechen wir in dieser Ab 21.

Als im Juni viele Menschen auf Instagram eine schwarze Kachel posten und damit ihre Solidarität für die Black-Lives-Matter-Bewegung ausdrücken, ist auch Lewamm "Lu" Ghebremariam dabei. Sie ist schwarze Deutsche, arbeitet bei change.org und engagiert sich in der Berliner Clubcommission für mehr Diversität in der Berliner Clubkultur.

Lu sieht auch, dass sich Menschen am #blackouttuesday beteiligen und sich danach nie wieder anti-rassistisch engagieren: "Ich könnte jetzt darauf pochen, dass Leute das genutzt haben, um sich in ein besseres Licht zu rücken. Aber ich will mich damit nicht aufhalten." Etwas verändert habe sich trotzdem, denn es gebe jetzt mehr Gespräche über Rassismus und Privilegien.

"Konsequenzen aus den eigenen Privilegien zu ziehen und das muss vielleicht auch heißen – ich mache Platz für andere."
Lewamm "Lu" Ghebremariam, arbeitet bei change.org

Wichtig sei für sie, dass sich gerade weiße Menschen ihrer Privilegien bewusst werden und sich dementsprechend verhalten – zum Beispiel marginalisierten Gruppen zu mehr Sichtbarkeit verhelfen.

Protestbewegungen haben aktuell oft im Netz ihren Ursprung

Online-Protest in den sozialen Netzwerken könne ein Anfang sein, sich tiefer mit politischen Inhalten zu beschäftigen. Dieser Meinung ist Maik Fielitz, er ist Protestforscher am Jenaer Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft. Denn nicht immer sei der Protest auf der Straße am wirksamsten.

Auch gut organisierte Online-Kampagnen können erfolgreich sein, wie zum Beispiel die #metoo-Protestbewegung: "Wenn Leute sich beteiligen können und die eigene persönliche Geschichte mit einer größeren politischen Bewegung in Verbindung bringen können", sei Online-Protest wirksam.

"Die Rolle von Protestbewegungen in sozialen Medien ist die Leute mehr mit den Inhalten zu konfrontieren, sich mehr damit auseinanderzusetzen und auch niedrigschwellige Angebote zu schaffen."
Maik Fielitz, Protestforscher

Trotzdem könne digitaler Protest nur die Vorstufe sein: "Um Leute langfristig zu mobilisieren, wirkt Protest besser auf der Straße." Soziale Medien sind laut Maik Fielitz nicht dafür geschaffen, zentrale Protestplattformen zu werden.

Performativer Aktivismus? Solidarität zeigen, um damit gut im Netz anzukommen.

Auch Jenni, die unter dem Namen "Mehr als nur Grünzeug" bloggt, postet am 2. Juni eine schwarze Kachel. Schon länger beschäftigt sie sich mit kritischem Weißsein, nimmt sich auch nach dem #blackouttuesday der Kritik vieler Menschen an und schreibt einen Text über Performativen Aktivismus.

Darin wirft sie die Frage auf, ob viele Leute die schwarze Kachel nur gepostet haben, um ihr eigenes Image aufzupolieren. Sich also nur am Online-Protest beteiligt haben, um selbst gut dazustehen.

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Für Jenni ist der Kampf gegen Rassismus mit einem Instagram-Post nicht beendet: "Es geht darum, die eigenen Privilegien zu checken, da reicht es nicht, eine schwarze Kachel zu posten."

Für sie kann Online-Aktivismus also nur funktionieren, wenn darauf Taten
folgen: "Da geht es um viel Bildung und Austausch im Hintergrund." Oder einfach mal Geld spenden und es danach nicht auf Instagram zu erzählen.

Wissenswertes über Online-Proteste

  • Die Klimaschutzbewegung Fridays-For-Future musste ihren für den 24. April 2020 geplanten weltweiten Klimastreik durch Corona ins Internet verlegen. Die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer kündigte auf Twitter "den größten Onlineprotest jemals" an. Es ist schwer nachzuprüfen, ob sie ihr Ziel wirklich erreicht haben, aber den Livestream haben zu Spitzenzeiten 20.000 Menschen gleichzeitig gesehen.
  • Die Schauspielerin Alyssa Milano forderte am 15. Oktober 2017 andere
    Frauen auf Twitter dazu auf, #metoo zu posten, wenn sie schon Opfer
    sexueller Gewalt geworden sind. Millionen Menschen posteten ihre
    Gedanken dazu auf Social Media, damit entfachte sie nicht nur eine
    Gleichberichtigungsdebatte in Hollywood, sondern weltweit. So wurden
    die Vorwürfe gegen den US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey
    Weinstein publik. Er wurde wegen seiner sexuellen Übergriffe
    inzwischen zu 23 Jahren Haft verurteilt.
  • Unter #blackouttuesday sind inzwischen 22,5 Millionen Bilder auf Instagram gepostet worden. Mit der Aktion wurden viele andere Inhalte für
    diesen Tag stumm gestellt – so hatten viele Leute Zeit, sich
    vielleicht zum ersten Mal mit dem Thema Anti-Rassismus zu
    beschäftigen.

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