Es gibt kaum noch einen Bereich unseres Lebens, der nicht von digitalen Techniken geprägt ist. Warum eigentlich? Welches sind eigentlich die Probleme, die die Digitalisierung löst? Ein Vortrag des Soziologen Armin Nassehi.

Man müsse Menschen auf der Straße nur fragen, was sie von ihren Smartphones halten, sagt der Soziologe Armin Nassehi. Dann bekomme man erstaunliche Antworten. Viele sagen, dass sie ihr Smartphone hassen - und gucken dabei gleichzeitig auf ihre Geräte. Wie kann das sein? Warum nutzen wir eine Technik, wenn wir sie nicht mögen?

"Die Leute hassen Smartphones und gucken, während sie diesen Satz sagen, drauf."
Armin Nassehi, Soziologe

Um das zu beantworten, muss man als Soziologe die richtige Frage stellen, sagt Armin Nassehi. Nicht: Welche Probleme erzeugt die Digitaltechnik? Sondern: Für welches Problem ist diese Technik die Lösung?

Warum sich technische Lösugen durchsetzen

Armin Nassehi ist überzeugt: Wenn sich eine Technik in einer Kultur oder Gesellschaft durchsetzt, wenn wir daran festhalten, obwohl uns genau diese Technik auch Probleme bereitet, dann gibt es dafür einen Grund. Das gilt für die Digitalisierung genauso wie früher für den Buchdruck oder Kohlekraftwerke.

"Wenn etwas persistiert und sich als wesentlicher Kulturfaktor durchsetzt, egal was es ist, dann muss es irgendwo ein Problem lösen, sonst würde es sich nicht in einer Gesellschaft einnisten."
Armin Nassehi, Soziologe

"Das Problem, das die Digitalisierung löst? Komplexität" - in seinem Vortrag erklärt Armin Nassehi, was er damit meint. Komplexität sei mehr als große Datensätze oder schwierige mathematische Abfolgen. Komplexität beinhaltet immer ein Element der Ungewissheit. Etwas könnte auch anders sein. Genau das spiele eine wichtige Rolle in der Forschung zu künstlicher Intelligenz und smarten digitalen Endgeräten.

"Das Bezugsproblem des Digitalen ist Komplexität."
Armin Nassehi, Soziologe

Mit digitalen Techniken versuchen wir, immer komplexere Probleme zu lösen. Wir schaffen Geräte, die immer größere Datenmengen mit immer komplizierteren Algorithmen und größeren Rechenleistungen verarbeiten. Gleichzeitig verbergen wir all das hinter immer einfacheren Benutzeroberflächen.

"Die Digitaltechnik selbst wird immer unsichtbarer, weil die Benutzeroberflächen einfacher, klarer, eindeutiger werden - als wären sie eine einfache Technik."
Armin Nassehi, Soziologe

Armin Nassehi ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Armin Nassehis Vortrag hat den Titel "Mustererkennung und Erkennungsmuster. Die digitale Selbstbeobachtung der Gesellschaft". Er hat ihn am 1. Juli 2022 in Frankfurt am Main gehalten auf der Tagung "Das vermessene Leben. Transformationen der digitalen Gesellschaft". Veranstaltet wurde diese Tagung von der Goethe Universität und dem Sigmund-Freud-Institut Frankfurt am Main.

  • Hörsaal
  • Moderatorin:  Sibylle Salewski
  • Gesprächspartner:  Armin Nassehi, Soziologe, Ludwig-Maximilians-Universität München