Rund 300.000 Babys wurden in Spanien seit etwa 1939 bis in die 1990er Jahre ihren Eltern geraubt und verkauft. Bis heute suchen Opfer nach ihrer wahren Identität und nach ihren Angehörigen. Die Journalistin Margot Litten hat den Skandal jahrelang recherchiert.

Die Journalistin Margot Litten recherchiert seit rund sieben Jahren zu dem Skandal über die hunderttausende geraubte Kinder in Spanien. Sie hat mehrere Radiofeatures produziert und einen Dokumentarfilm zu dem Thema gedreht, der in Spanien für viel Aufsehen gesorgt hat.

Anfangs war der Raub von Babys in Spanien politisch motiviert, erzählt sie. Nachdem Francisco Franco sich zum Machthaber Spaniens erhoben und das Land in eine Diktatur umgewandelt hatte, war es sein Ziel, seine Gegner zu vernichten. Dazu zählte er in erster Linie Menschen mit linker Gesinnung, erzählt Margot Litten. 

Entführte Babys werden als Totgeburten registriert

Die politischen Gegner Francos wurden als Kommunisten bezeichnet und geächtet. 1939 seien die ersten Babys ihren Eltern geraubt worden. Denn sie sollten laut Regime nicht den Kommunismus mit der Muttermilch einsaugen, so Litten. Den Müttern der gestohlenen Kinder habe man gesagt, dass ihre Kinder tot geboren seien. Den Adoptiveltern, an die die Babys verkauft wurden, sei oft erzählt worden, dass es Kinder von Prostituierten seien, die keine Perspektive gehabt hätten. 

"Es scheitert oft an dem Unwillen in Spanien, die Vergangenheit anzuschauen, geschweige denn aufzuarbeiten."
Margot Litten, Autorin und Dokumentarfilmerin
"Ich suche meinen Bruder" und "Ich suche mein Kind" steht auf den T-Shirts der Demonstrantinnen.

Auch nach dem Tod des Diktators Franco im Jahr 1975 hab es keine Aufklärung der hunderttausendfachen Straftaten, die begangen worden waren, berichtet Margot Litten. Was als politische Verfolgung begann, sei in den späteren Jahren zum lukrativen Geschäft geworden. Ärzte, Anwälte und die katholische Kirche in Spanien hätten sich damit gemein gemacht, um mit dem Raub und dem Verkauf von Babys Geld zu verdienen. 

Täter werden bis heute geschützt

Bis in die 1990er Jahren dauerte der Raub von Babys offenbar an. Nur durch Zufälle seien vereinzelt Fälle aufgedeckt und das immense Ausmaß immer deutlicher geworden. Medien berichteten, Verbände gründeten sich, um den Opfern zu helfen. Doch die Politik und die Justiz schützten bis heute die Täter und ließen die Opfer alleine, kritisiert die Journalistin Margot Litten. Die katholische Kirche und Kliniken gäben den Opfern Dokumente, die offensichtlich gefälscht seinen.

"Es ist oft erlogen und erstunken, was in den Dokumenten drinsteht, die die Opfer ausgehändigt bekommen - auch in den kirchlichen Archiven, wo einfach die Namen ausgetauscht werden."
Margot Litten, Autorin und Dokumentarfilmerin
Mütter suchen nach ihren gestohlenen Kindern.
© dpa | picture alliance
"Gerechtigkeit! Ihr habt uns unsere Kinder gestohlen" steht auf dem Transparent dieser beiden Mütter.

Verbände die versuchen, Zugang zu Archiven zu erhalten, werde dieser verwehrt. Viele Opfer stellten selbst Nachforschungen an, um Angehörige zu finden. Nur wenigen Hunderten sei das bisher gelungen. Die Ziffer derer, die selbst gar nicht wissen, dass sie entführt und verkauft wurden, gilt als hoch. 

Prozess gegen 85-jährigen Arzt kann noch Jahre andauern

Der Name des Arztes Eduardo Vela wurde in der Vergangenheit mehrmals mit der Entführung von Babys in Zusammenhang gebracht. Dem inzwischen 85-jährigen wird nun der Prozess gemacht. Kenner des Skandals und der politischen Umstände in Spanien schätzen, dass der Prozess noch mehrere Jahre dauern kann, berichtet Margot Litten. Wenn es zu einem Urteil kommen sollte, kann der angeklagte Arzt immer noch Einspruch erheben, wenn er bis dahin nicht eines natürlichen Todes stirbt. 

Schweigen über die Vergangenheit

Die spanische Gesellschaft wurde nie dazu erzogen, in die Vergangenheit zu schauen und das Ganze aufzuarbeiten, sagt die Journalistin. In Spanien sei es bis heute gesellschaftlich verpönt nachzuhaken, wenn es um das Franco-Regime gehe. Das sei Teil der Mentalität geworden. Zwischendurch sei die Gesellschaft durch Aufdeckungen und Demonstrationen auf den Skandal aufmerksam geworden. Aber dadurch, dass so wenig erreicht und aufgeklärt wurde, sei das Interesse in der Gesellschaft wieder erlahmt, sagt Margot Litten.

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