Vorlesungen, Sprachnachrichten, Podcasts: Manche von uns hören sich Audios in anderthalbfacher oder doppelter Geschwindigkeit an, um etwas Zeit zu sparen. Anderen bringt das nichts. Und nicht jeder Inhalt bietet sich dafür an.

Der Professor oder die Professorin spricht sehr getragen, wiederholt Aussagen häufig und veranschaulicht abstrakte Zusammenhänge durch Beispiele. Das kann dazu führen, dass Online-Vorlesungen deutlich länger werden als nötig.

So denkt zum Beispiel die Studentin Kim. Sie studiert Informatik und Psychologie an der Universität Duisburg-Essen. Ellenlange Ausführungen braucht sie nicht zum Verständnis. Sie hört sich Online-Vorlesungen regelmäßig in einer erhöhten Geschwindigkeit an, weil sie auch dabei alle Inhalte gut verstehen kann. Das hilft ihr auch, Zeit zu sparen.

"Auf jeden Fall, vor allen Dingen bei einigen Profs, die vielleicht ein bißchen langsamer reden und alles doppelt und dreifach erklären, finde ich das angenehm, wenn man im eigenen Tempo sozusagen lernen und zuhören kann."
Kim, Studentin an der Universität Duisburg-Essen

Genau das ist für den Studenten Luis gar nichts. Er sagt, dass er genauso lange braucht, um sich eine Vorlesung in erhöhter Geschwindigkeit anzuhören, weil er immer wieder zurückspulen muss, um gedanklich folgen zu können.

"Manchmal ist es auch wirklich so, dass Gedankengänge extrem dicht sind. Manche Menschen neigen dazu, Silben oder Satzteile zu verschlucken."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Eine US-Studie der University of California hat aber gezeigt, dass es sich durchaus lohnen kann, sich Uni-Vorträge vor einer Prüfung zweimal in doppelter Geschwindigkeit anzuhören. Der Lerneffekt könne dann höher sein als bei einem Durchgang im Normaltempo.

Speed Listening: Keine Zeit gespart, aber mehr gelernt

Am Ende sparen wir damit zwar keine Zeit, es kann aber sein, dass wir bessere Noten erhalten, weil wir mehr gelernt haben. Ein paar Einschränkungen gibt es aber schon: Diese Studie wurde für die Fächer Wirtschaft und Geschichte durchgeführt. Die Forschenden sagen, dass die Ergebnisse nicht auf alle Fächer und auf alle Themen übertragbar seien. Denn es komme auch auf den Inhalt einer Vorlesung an – und darauf, wie jemand spreche und formuliere.

Diese Erfahrung hat auch Student Beyat gemacht. Gerade wenn ein Themengebiet sehr theoretisch und trocken zu sein scheint, hört er sich einen Vortrag in der schnellsten Geschwindigkeit an, in der er noch alles versteht.

"Kommt immer ein bisschen aufs Thema an. Bei Sachen, die ein bisschen trocken sind, das Schnellste was geht. Also so, dass man es noch versteht. Und wenn es ein bisschen schwerer zu verstehen ist, ein bisschen langsamer."
Beyat, Student

Dass unser Gehirn durchaus in der Lage ist, Informationen aufzunehmen, die in einer erhöhten Geschwindigkeit abgespielt werden, bestätigt der Neurowissenschaftler Henning Beck. Die normale Sprechgeschwindigkeit liegt bei etwa 150 Wörtern pro Minute. Unser Gehirn ist allerdings in der Lage, beim Hören bis zu 300 Wörter in der Minute zu erfassen.

"Das Gehirn passt sich an jede Geschwindigkeit von Sinnesreizen an", sagt der Neurowissenschaftler. Das sei beim Sehen der Fall und das sei auch beim Hören so. Bei nahezu allen Sinneseindrücken funktioniert dieses Prinzip, sagt Henning Beck. Der Wissenschaftler geht davon aus, dass unser Hirn die Information nicht Wort für Wort verarbeitet, sondern sich auf Signalwörter fokussiert, um Inhalte wahrzunehmen.

"Je schneller die Sinneseindrücke kommen, desto mehr beschleunigt das Gehirn auch sein Denken."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Nicht nur im Studium, auch in anderen Zusammenhängen kommt es vor, dass wir uns Audioaufnahmen nicht in der Originalgeschwindigkeit anhören. Ob wir Podcasts beispielsweise in anderthalbfach schneller anhören, ist in erster Linie Geschmackssache. Auch hier ist der Student Luis kein Fan davon, etwas schneller anzuhören. Denn bei Podcasts kommt für ihn der Genuss vor der Zeitersparnis.

Sprachnachrichten: Hören, wie es dem anderen geht

Lange Rede, kurzer Sinn: Das trifft wohl auf viele Sprachnachrichten zu, die wir von Freunden und der Familie erhalten. Denn es geht oft nicht nur um den Austausch von Informationen, sondern auch darum, den Kontakt zu halten oder die Beziehung zu pflegen.

Im Hinblick auf den Beziehungsaspekt empfiehlt der Neurowissenschaftler Henning Beck, dass wir uns die Zeit nehmen, um Audionachrichten im Originaltempo zu hören, um Zwischentöne mitzubekommen. Dadurch können wir uns besser auf unser Gegenüber einlassen und eventuell besser einschätzen, wie es dem anderen tatsächlich geht.

"Wenn es wirklich darum geht, sich auf sein Gegenüber einzulassen, auch Zwischentöne mitzubekommen, gerade in Gesprächssitutionen, dann bitte die normale Geschwindigkeit."
Henning Beck, Neurowissenschaftler