In schwierigen Zeiten appelliert die Politik gern mal an den Zusammenhalt. Spiegel-Autor Christian Stöcker fordert in seiner Kolumne, "vergesst den Zusammenhalt". In der Politik könne man keine Entscheidung treffen, die 100 Prozent der Bevölkerung tragen.

Christian Stöcker, Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und Autor beim Spiegel, kritisiert in seiner aktuellen Kolumne das Mantra vom sogenannten gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wie eine Art Zauberformel werde das "ständig gebetsmühlenartig wiederholt", um so eine gesellschaftliche Spaltung zu verhindern, meint Christian Stöcker.

Ihn stört, dass der Begriff Zusammenhalt immer dann bemüht werde, wenn es darum gehe, extrem rechte Positionen zu verteidigen. Zum einen komme der Begriff Zusammenhalt "aus einer ganz bestimmten Richtung", zum anderen hätten "wir im Moment eine besondere Situation", argumentiert Christian Stöcker.

Christian Stoecker, Professor of Digital Communication at the University of Applied Sciences Hamburg (HAW)
© picture alliance / Gregor Fischer/dpa | Gregor Fischer
Christian Stöcker ist Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und Autor beim Spiegel

Nicht alle, die sich nicht impfen lassen wollen, seien radikale Impfgegner, sagt der Kolumnist. Eine Forsa-Umfrage zeige jedoch, dass ein hoher Prozentsatz der ungeimpften Personen rechte Parteien wählen würde. Diese Menschen hätten den Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung weitgehend verlassen, so Christian Stöcker.

"Wenn ich mich nicht darauf einigen kann, wie die Fakten sind, dann kann ich auch keinen Zusammenhalt erzeugen."
Christian Stöcker, Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und Autor beim Spiegel

Gesellschaftlicher Zusammenhalt für Pflegepersonal

Christian Stöcker wundert sich, dass aktuell gesellschaftlicher Zusammenhalt gefordert werde, denn "wir haben sehr viel gesellschaftlichen Zusammenhalt in den letzten zwei Jahren erlebt", sagt er. Viel Zusammenhalt gab es seiner Meinung nach zum Beispiel für Pflegepersonal, Kinder und Jugendliche und Eltern mit schulpflichtigen Kindern.

Laute Querdenker

"Da wurde ganz viel Zusammenhalt gefordert und ist auch sichtbar geworden. Die Menschen haben mit ganz großer Mehrheit – und das vergisst man immer, weil die Querdenker so laut werden – die Corona-Maßnahmen mitgetragen", ordnet Stöcker ein.

"Die Mehrheit der Menschen haben ihre Masken getragen und sich testen lassen. Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist also da."
Christian Stöcker, Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und Autor beim Spiegel

Wenn man allerdings sage, man dürfe nichts mehr machen, weil sonst irgendein Teil der Gesellschaft verärgert sein könnte, dann dehne man den Begriff Zusammenhalt ein bisschen zu weit aus. Den meisten Menschen sei auch klar, dass es nur gemeinsam einen Weg aus der Pandemie gebe, dennoch gibt es 15 bis 20 Prozent in der Bevölkerung, die sich aber einem solidarischen Handeln verweigern würden.

Hass-Mails mit Drohungen

Täglich erreichten ihn Hass-Mails, in denen ihm mit der Tod angedroht werde, sagt Christian Stöcker. Diese Menschen hätten sich in Verschwörungserzählungen verstiegen und würden die aktuelle Situation ganz anders wahrnehmen oder auch leugnen, dass es infolge der Pandemie bereits 100.000 Tote in Deutschland gibt.

"Da sind Menschen, die überzeugt sind, dass bald eine Situation entsteht, in der Leute, die Texte schreiben, vor Gericht gestellt und hingerichtet werden."
Christian Stöcker, Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und Autor beim Spiegel

Es sei schwierig, jemanden mitzunehmen, der sich den Fakten komplett verweigere, erklärt der Kognitivpsychologe Christian Stöcker.

Mit seiner Aussage "Vergesst den Zusammenhalt" in seiner Spiegel-Kolumne möchte Christian Stöcker erreichen, dass dieser Appell an den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus dem politischen Kurs verschwinde.

Die Frage, ob etwas den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährde oder nicht, sei keine Frage, mit der man Politik machen kann. "In der Politik kann man keine Entscheidung treffen, die immer von 100 Prozent der Bevölkerung getragen wird", fasst Christian Stöcker seine Meinung zusammen.