Der Film "We are Alright" dokumentiert, wie ein junges, polnisches Entwicklerstudio ein langes Projekt endlich zum Ende bringt und darauf hofft, dass es ein Erfolg wird. Die Doku zeigt, dass es längst nicht mehr reicht, als Entwickler eine gute Idee für ein Spiel zu haben.

"We are Alright" dokumentiert die Arbeit des polnischen Entwicklerstudios Lichthund. Und der Fokus liegt nicht auf dem Spiel, sondern zeigt, womit sich die Entwickler herumschlagen müssen, obwohl sie es besonders hassen: Presse anschreiben, Youtuber kontaktieren, auch wenn die nie E-Mail-Adressen auf ihrer Youtube-Seite stehen haben, eine Verkaufsstrategie entwickeln, Vertriebspartner finden und natürlich das leidige Thema Finanzierung - also eigentlich alles, was nicht reine Games-Entwicklung ist.

"In honest: I don’t care about games - oh of course I’m a player, but when I make a movie, I don’t care about games. It’s not important for me."
Borys Nieśpielak, Regissuer

Lichthund sind die beiden Entwickler Rafal Zaremba und Bartek Pieczonka, die da an ihrem Erstlingswerk arbeiten. In der Doku nimmt uns die Kamera mit zu ihnen nach Hause, denn dort arbeiten die beiden auch. Die Zuschauer lernen Barteks Eltern kennen, wir sind dabei, wenn die Entwickler ihre Krisen haben, aber auch beim großen Moment der Veröffentlichung.

Rafal und Bartek - zwei Spielentwickler
© Borys Niespielak
Die Entwickler Rafal Zaremba und Bartek Pieczonka

Als Zuschauer erleben wir zum Beispiel, wie unterschiedlich die beiden Entwickler sind: Rafal und Bartek arbeiten beide am Anfang getrennt, Bartek lebt als Grafiker mit seiner Freundin in Berlin und Rafal, der Programmierer in einer echt spartanischen Wohnung in Warschau.

Rafal sieht man eigentlich immer gestresst oder hoch konzentriert bei der Arbeit: Gleich zu Beginn der Doku dunkelt er sein riesiges Balkonfenster ab und schreibt eine sehr lange To-do-Liste drauf - alles, was noch im Spiel gemacht werden muss.

Währenddessen sitzt Bartek in einem Biergarten, eher gechillt, aber der Schein trügt: Er bespricht mit einem Kollegen, dass der aktuelle Veröffentlichungstermin wieder nicht eingehalten werden kann - für Entwickler ist das natürlich immer Mist, weil das mehr Stress und mehr Kosten bedeutet.

"Wie viele Indie-Spiele sind eine Erfolgsgeschichte? Wenige. In einem sehr optimistischen Szenario. In Wahrheit werden die meisten statistisch gesehen scheitern."
Bartek Pieczonka, Spieleentwickler

Der Stress wird extrem groß, als sich das Projekt dem Ende zuneigt, das Geld knapp wird und die Entwickler unter großem Zeitdruck stehen. In einer Szene kommt dann auch noch der Druck von Barteks Eltern hinzu, die ihn immer wieder fragen, wann er sich endlich einen richtigen Job sucht. Wenn Bartek darüber reflektiert, wie die Chancen aussehen, dass das Spiel ein echter Erfolg wird, wird klar, dass es nicht besonders gut aussieht.

Das Spiel, an dem die beiden Entwickler arbeiten, heißt "Lichtspeer" - eine Art Angry Birds. Bei dem Spiel schießen die Gamer mit Speeren - als futuristische Retrogermanen Helga und Hans - auf Hipster-Frostriese. Eine sehr bunte, sehr verrückte Welt mit einer absurden Faszination fürs Deutsche.

Blick der Spieleentwicklerin auf den Games-Markt

Jana Reinhardt ist selber Spieleentwicklerin und weiß aus eigener Erfahrung, dass ein immenser Druck auf dem Markt herrscht. Sie hat vor sieben Jahren begonnen und weiß, dass es damals noch mehr Raum für Fehler gab. Das habe sich stark verändert, sagt sie: "Heute ist dein erstes Spiel schnell auch dein Letztes, wenn du kein Geld mit der Produktion verdienst, an der du zweieinhalb Jahre gesessen hast."

"Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass da der Druck sehr groß ist, etwas Geeignetes für den aktuellen Gamesmarkt zu entwickeln, auf dem niemand wirklich weiß, ob sich sein Spiel verkaufen wird oder nicht."
Jana Reinhardt, Spieleentwicklerin

Zur Einordnung: Auf der Online-Plattform Steam, auf der auch das Spiel von Lichthund zu finden ist, werden pro Woche etwa 180 neue Spiele herausgebracht. Wer kein gutes Marketingkonzept hat, geht da völlig unter. Jana Reinhardt findet, genau deshalb ist die Erzählung des Films universell und nicht nur eine polnische Geschichte: ein aufstrebendes, junges Studio, das ein cooles Spiel hat, aber nach und nach merkt, wie schwierig der Verkauf ist - auch wenn man Youtuber und die Games-Presse auf seiner Seite hat. Die Geschichte gibt es öfter.

"My movie is 'Indie Apocalypse - The movie', because that happens in my movie, it’s happening now around the world. All game developers have the same problems."
Borys Nieśpielak, Regiesseur von “We are Alright”

Inzwischen haben die Lichthund-Entwickler ihr Spiel auf alle Plattformen gebracht, von Mobile bis zu den Konsolen und haben 30.000 Stück verkauft. Jana Reinhardt sagt: "Das ist nicht schlecht für ein Zweimannstudio." Seit zwei Monaten haben Rafal und Bartek ihren Break Even geschafft. Heißt: Sie haben ihre Entwicklungskosten wieder rein gespielt. 

Sehr nah dran und ganz ohne Hochglanz

Janas Fazit zu "We are Alright": Man sieht dem Film an, dass der Regisseur Borys Nieśpielak mit den beiden Protagonisten befreundet ist und sie die Kamera kaum mehr wahrnehmen. Dadurch kommen die Zuschauer den Entwicklern Rafal und Bartek sehr nahe - auch in emotionalen Momenten. Das macht diese Doku auf eine Art bodenständig, völlig ohne jeglichen Hochglanz. Außerdem wird sehr deutlich, wie es als kleiner Entwickler ist, an einem Spiel zu arbeiten, auf das weder Spieler noch Presse warten.


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