Es ist schon schwierig mit dem richtigen Ton: Was in Zürich oder Konstanz als höflich gilt, kann in Flensburg oder Berlin total umständlich wirken. Denn Höflichkeit ist regional sehr unterschiedlich - und sprachlich oft paradox: Manchmal sagen wir etwas ganz anderes als das, was wir meinen, um den richtigen Ton zu treffen. Ein Vortrag der Sprachwissenschaftlerin Tanja Ackermann.

Zwischen "Ich bekomme ein Brot!“ und "Wäre es eventuell möglich, mir ein Brot zu geben?" liegen Welten – inhaltlich wie sprachlich. Und doch meinen beide Sätze eigentlich das gleiche, nur der Kontext ist ein anderer.

Kontext und Region bestimmen höfliche Sprache

Je weiter wir in den Norden des deutschen Sprachraums kommen, desto direkter werden Bitten – im Durchschnitt jedenfalls. Denn leider gilt auch diese Faustformel nur bedingt. Denn zur Höflichkeit gehört neben vielem anderen auch dazu, mit wem wir sprechen – ob es sich etwa um Freunde, Familie oder Fremde handelt.

"Da lob' ich mir die Höflichkeit,
Das zierliche Betrügen.
Du weißt Bescheid, ich weiß Bescheid;
Und allen macht's Vergnügen."
Wilhelm Busch

"Zierliches Betrügen" oder "zärtliches Betrügen" nennt die Sprachwissenschaftlerin Tanja Ackermann nach Wilhelm Busch die Höflichkeit. Sie erforscht höfliche Sprache aktuell im regionalen Unterschied und historisch in ihrer Entwicklung. In ihrem Vortrag schaut sie sich zunächst die Motive höflicher Sprache an: Unter anderem kann es dabei darum gehen, unser Gegenüber das Gesicht wahren zu lassen oder andere nicht zu einer bestimmten Handlung zu zwingen.

"Man lässt durch die Sprache mehr Handlungsfreiheit."
Tanja Ackermann, Sprachwissenschaftlerin

Dafür haben sich sprachliche Muster etabliert, die manchmal ganz schön um die Ecke gehen, aber (im Idealfall) von allen gleich verstanden werden. Wer seine Partnerin etwa fragt, "Kannst Du mir mal die Butter geben?", weiß ziemlich sicher, dass sie das a) kann und b) wird – und c) auch, dass "Gib mir die Butter!" schroff wirken und somit vielleicht mehr und anderes transportieren würde, als der Satz rein sprachlich betrachtet im Grunde ausdrückt.

"Die dominierende Strategie im Deutschen ist die konventionelle Indirektheit, wie wir es nennen – diese Fälle von: Kannst Du mir helfen? Magst Du mir helfen? Hättest Du Zeit, mir zu helfen?"
Tanja Ackermann, Sprachwissenschaftlerin

Deshalb ist sprachlicher "Betrug" in solchen Situationen angebracht, verständlich und sozial etabliert. Nur leider eben nicht überall und immer gleich. In ihrem Vortrag erklärt Tanja Ackermann, wie heutzutage Höflichkeit sprachlich konstruiert wird, welche sprachlichen Mittel wo als höflich, unhöflich oder umständlich empfunden werden und wie die sprachliche Höflichkeit sich historisch entwickelt hat.

"Deutsche werden als direkt wahrgenommen, SchweizerInnen hingegen eher als umständlich."
Tanja Ackermann, Sprachwissenschaftlerin

Tanja Ackermann ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie an der FU Berlin, ihr Fachgebiet ist die historische Sprachwissenschaft. Ihren Vortrag "Höflichkeit aus sprachwissenschaftlicher Sicht" hat sie am 6. November 2019 im Rahmen der Ringvorlesung "Über den Umgang mit Menschen“ gehalten, die vom Dahlem Humanities Center der FU Berlin veranstaltet wurde.