Höher, weiter, schneller – das will Lotte für ihren Sommerurlaub nicht mehr. Sie will nachhaltige Erlebnisse zuhause erschaffen. "Was reizt mich an einem Fernziel – und kann ich Ähnliches vor Ort erleben?" Diese Frage empfiehlt eine Trendforscherin.
Brandenburg statt Bali? Ja, sagt Lotte. Sie hat sich bewusst für eine Staycation (aus engl. "stay" und "vacation") entschieden und möchte ihren Sommerurlaub ganz bewusst zuhause erleben. Sie will in Kontakt treten mit sich selbst, der Natur, ihren Freunden und der Familie. Es müsse nicht immer eine Palme an einer fernen Destination sein, findet sie. Eine Eiche – allerdings ohne Eichenprozessionsspinner – sei auch schön!
Brandenburg statt Bali
Lotte hat auch schon Pläne gemacht: Sie will Neues ausprobieren und sich neue Skills erschließen: so hat sie zum Beispiel noch nie einen Kuchen gebacken. Die semesterfreie Zeit ist für sie der perfekte Moment, um das mal auszuprobieren.
Und wenn schon, dann richtig: Lotte will auch Obst für ihren Kuchen selbst pflücken. Vielleicht wird das Kuchenbacken sogar zu einem neuen Hobby, sagt sie. Ihre Freunde und ihre Familie müssten dann eben damit klarkommen, dass Lotte dann eventuell zu jeder Gelegenheit Kuchen verschenkt.
"Früher war der Sommer oft so vollgepackt. Man muss irgendwie viel in wenig Zeit reinbekommen."
Lotte möchte auch ihre nähere Umgebung besser erkunden. Sie wohnt eine Stunde von Berlin entfernt und plant, das "Bullerbü-Feeling" der brandenburgischen Dörfer zu erleben. Dafür ist sie nur 20 bis 30 Minuten unterwegs. Lotte stellt sich vor, an einen See zu fahren und dort in einer Hängematte zu übernachten – mehr braucht es nicht für ein Urlaubsfeeling, ist sie überzeugt.
Entspannung, Erholung, Entschleunigung
Durch News und Social Media entsteht bei Lotte ein Gefühl der Getriebenheit: Es gebe einen scheinbaren Konsens darüber, was man in der Freizeit und in den Ferien am besten macht, um diese optimal zu nutzen, sagt sie.
Doch große Partyevents mit vielen Menschen, einem Weinglas in der Hand und Smalltalk entsprechen so gar nicht Lottes Vorstellung von einer guten Zeit. Wer aber lieber am See strickt oder einen Halbmarathon läuft, werde oft gelabelt, findet die Studentin. In den sozialen Medien fallen dann Begriffe wie "Grannylife" oder "Quarterlife-Crisis" – davon ist Lotte genervt.
Gen Z: Urlaub und Content-Produktion gehen ineinander über
In möglichst kurzer Zeit möglichst viel erleben, auf Festivals gehen, verreisen und vieles mehr. Lotte hat diese Fomo-Phase (Fear of missing out) hinter sich und will jetzt lieber Jomo (Joy of missing out) zu ihrem Mantra machen. Viele Angebote, die es in ihrer näheren Umgebung gibt, hat Lotte noch nicht genutzt. Diesen Sommer will sie schauen, was sich quasi direkt vor ihrer Haustüre befindet. Ein Beispiel: coole Openair-Kinos, die sie besuchen möchte.
Die Trends, die Harald Zeiss, Experte für nachhaltigen Tourismus, bei der Gen Z feststellt, bestätigen Lottes Alltagsbeobachtungen: Der Urlaub ist nicht nur da, um Erinnerungen zu schaffen und Spannendes zu erleben, sondern es muss sich auch als Content eignen: Fotos, Videos und Stories müssen sich damit generieren lassen. Das führt dazu, dass Urlaube ganz anders geplant werden – und dass auch ein gewisser Druck entsteht.
"Der Fokus liegt nicht so sehr da, wo wir wohnen. Und dadurch kennen wir vielleicht auch diese unmittelbare Nähe nicht so gut."
Wenn wir die entsprechenden finanziellen Mittel haben, können wir viele Länder bereisen. Wir legen dann den Fokus oft auf ferne Reiseziele und wissen oft gar nicht so genau, was sich in unserer unmittelbaren Nähe befindet. Oft gibt es sehenswerte Orte, die einen Besuch wert sind, direkt in unserem Wohnort. Wir waren aber noch nie dort. Dabei hat ein Besuch viele Vorteile: Die stressige Anreise fällt weg. Und: Weniger Optionen können uns zufriedener machen, sagt die Zukunfts- und Trendforscherin Anja Kirig.
Zuhause Urlaub zu machen, sollte nicht als Defizit betrachtet werden oder als Plan B, sagt Anja Kirig.. Vielmehr sieht sie darin eine echte Chance, die eigene Umgebung (neu) kennenzulernen.
Jomo statt Fomo
Die Trendforscherin hat auch einige Tipps, wie es uns gelingen kann, durch eine Staycation Neues am Heimatort zu entdecken:
- den "Alltagsfilter" beiseite legen, neugierig sein, mit offenen Augen erkunden, das Vetraute mit dem Blick des Fremden betrachten
- die "Hyperlokalität" in den Fokus nehmen, das heißt zum Beispiel, Spezialitäten aus der Region erkunden, essen oder trinken
- alle Trends lassen sich auch zuhause erleben und erfahren
- bewusst den Alltag loslassen
- das (analoge) soziale Netzwerk ist vor Ort verfügbar: Dinge mit anderen unternehmen, für die man sonst vielleicht keine Zeit findet
Aus der Komfortzone rauskommen
Am besten fragt man sich: Was reizt mich eigentlich genau an einem Fernziel? Und wie kann ich dieses Erlebnis vielleicht auch vor Ort umsetzen? Welche Mikroabenteuer bieten sich mir in der unmittelbaren Umgebung? Wie kann ich bei Unternehmungen aus meiner Komfortzone herauskommen?
Dadurch können Momente entstehen, die uns als Person nachhaltig verändern, sagt die Trendforscherin Anja Kirig.
Und die sich unter Umständen auch gut für Social Media eignen können...
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