Stepan Bandera kämpft 1944 als Widerstandskämpfer in der Westukraine gegen die Erneuerung der sowjetischen Vorherrschaft. Als radikaler Nationalist, Kriegsverbrecher und Nazi-Kollaborateur ist er aber höchst umstritten.

Am 15. Oktober 1959 lauert der KGB-Agent Bogdan Nikolajewitsch Staschinski seinem Opfer Stepan Bandera in München auf. Der sowjetische Geheimdienstagent arbeitet in der "Abteilung für Terrorakte im Ausland" und soll den Ukrainer ermorden, der in der UdSSR in Abwesenheit als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt wurde.

An der Tür steht "Stefan Popel", aber der KGB-Mann weiß, wer sich dahinter verbirgt. Er klingelt. Als sich die Tür öffnet, sprüht er seinem Opfer eine tödliche Dosis Blausäure ins Gesicht. Es dauert nur wenige Minuten, bis Stepan Bandera tot ist. Kurz darauf wird er auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt.

"Ich würde ihn als radikalen Nationalisten bezeichnen, beziehungsweise nicht nur Bandera, sondern die OUN vertrat eine radikale Form des Nationalismus, die dem Ziel der Gründung eines ukrainischen Nationalstaats alles unterordnete."
Kai Struve, Historiker

Das Grab, das von seinem Enkel gepflegt wird, ist zu einer Pilgerstätte für jene Ukrainer geworden, die in Stepan Bandera einen Nationalhelden sehen, der mit seiner "Organisation Ukrainischer Nationalisten" (OUN) für die Unabhängigkeit des Landes von der Sowjetunion kämpfte.

Stepan Bandera – Held und Kriegsverbrecher zugleich

Andere sehen in ihm einen Kollaborateur, der mit Nazideutschland während des Zweiten Weltkriegs gemeinsame Sache gemacht hat. Als Stepan Bandera aber im Sommer 1941 eine unabhängige Regierung etablieren will, die an der Seite der Deutschen gegen die Sowjetunion kämpfen soll, wird er von den Deutschen in einer "Ehrenhaft" im KZ Sachsenhausen festgesetzt. Seine Haftbedingungen sind gegenüber den Mithäftlingen geradezu luxuriös.

Beteiligt an der Ermordung von Zivilisten

Währenddessen beteiligt sich die OUN an der Ermordung von bis zu 100.000 Zivilisten – Juden, Polen und Russen. In der Sowjetunion wird er deswegen nach 1945 als Kriegsverbrecher gesucht und in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

An Stepan Bandera scheiden sich bis heute die Geister: Für die einen ein überzeugter Nationalist, der für einen unabhängigen ukrainischen Staat gekämpft hat. Für die anderen ein Kriegsverbrecher und Nazi-Kollaborateur.

Ihr hört in Eine Stunde History:

  • Der Historiker Kai Struve beschreibt den Charakter und die Motive von Stepan Bandera.
  • Der Bonner Politologe Andreas Heinemann-Grüder beschäftigt sich mit nationalistischen Strömungen und Parteien in der Ukraine wie dem Asow-Regiment oder der Swoboda-Partei.
  • Der Hamburger Historiker Frank Golczewski geht der Frage nach, wie ein ukrainischer Nationalstaat zwischen West und Ost aussehen könnte.
  • Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld blickt zurück auf die gemeinsame Vergangenheit von Russen und Ukrainern.
  • Deutschlandfunk-Nova-Reporter Martin Krinner schildert die Hinrichtung Stepan Banderas durch einen KGB-Agenten am 15. Oktober 1959 in München.