Eine Webcam filmt ein Storchennest in Ungarn. Menschen sollen so die echte unberührte Natur beobachten können. Aber dann töten die Storcheneltern ihre Jungen, um eine Dürreperiode zu überstehen. Nach einem Shitstorm wird der Live-Stream vom Netz genommen.

Im Gemenc-Wald im Süden von Ungarn, einem der letzten Auwaldgebiete Europas und Teil des Donau-Drau-Nationalparks, gibt es seit 2013 eine Webcam. Etwa 40 Brutpaare dieser seltenen, großen Vogelart leben in dem Gebiet. Die Kamera überträgt, was im Nest eines Schwarzstorchen-Paars passiert. Jetzt ist die Webcam von der Forstverwaltung abgeschaltet worden.

Das unabhängige ungarische Nachrichtenportal 444.hu berichtet über den Hintergrund: Empörte Menschen hatten sich bei Facebook gemeldet oder angerufen, weil sie live miterlebt haben, wie die jungen Störche im Nest getötet wurden.

Im Frühling dieses Jahres waren zunächst zwei Storchenküken geschlüpft und etwas später dann noch eins. Doch nach zehn Tagen wurde das jüngste Küken von einem Elternteil getötet. Per Webcam wurde das live übertragen.

Wegen Dürre keine Nahrung für Störche

Auf der Seite wird erklärt, dass so ein Verhalten in Zeiten von Nahrungsmangel durchaus vorkommen kann. Der Frühling sei sehr trocken gewesen. Fische und Frösche - die bevorzugte Nahrung von Störchen - können da schon mal knapp werden.

Bei Weißstörchen ist dieses Phänomen bereits bekannt. Martin Hormann von der staatlichen Vogelschutzwarte in Frankfurt am Main ist Experte für Schwarzstörche. Er sagt, für ihn sei es schwierig, die Situation zu beurteilen, weil das Video der Webcam nicht mehr online ist. Aber er sagt auch, von Schwarzstörchen habe er so ein Verhalten noch nie gehört.

"Sie können ja solchen problematischen Witterungsverhältnissen wie Dürre ausweichen, indem sie sehr viel großräumiger ihr weites Umfeld nutzen."
Martin Hormann, Experte für Schwarzstörche

Schwarzstörche können mit Dürre eigentlich gut umgehen, weil sie bis zu 30 Kilometer weit fliegen, um Nahrung für ihre Jungen herbeizuschaffen.

Die Geschichte geht noch weiter: In den darauffolgenden Wochen, nachdem das Küken getötet wurde, war zu sehen, dass die verbleibenden zwei Küken immer schwächer wurden. Daraufhin meldeten sich viele Menschen bei der Forstverwaltung und forderten, dass diesen Küken doch geholfen werden müsse.

Grausame Natur

Vor einigen Tagen ist dann noch ein weiteres Küken umgekommen, offenbar wieder durch einen erwachsenen Storch. Aufgrund der großen Empörung ist der Live-Stream dann am 5. Juni abgeschaltet worden.

Ungarische Naturexperten sagen, dass es nicht möglich gewesen wäre, den Küken zu helfen. Wer sich dem Nest in dem Naturschutzgebiet nähert, wird zum Störfaktor für dieses Storchenpaar, aber auch für viele andere Tiere in der Umgebung.

"Wenn du dich dem Nest näherst, dann bist du ja ein Störfaktor für die Natur und sorgst damit womöglich für größeren Schaden. Schwarzstörche mögen das gar nicht."
Verena von Keitz, Deutschlandfunk Nova

Schwarzstörche sind sehr empfindlich, was Störungen angeht, sagt Martin Hormann. Sie wechseln dann womöglich im nächsten Jahr den Nistplatz und dadurch könnten sich die Chancen auf Fortpflanzung verschlechtern. Insofern sei es wichtiger, die Lebensräume der Tiere zu schützen, als einzelne Jungtiere zu retten.

Die Forstverwaltung im Gemenc-Wald hatte dazu gepostet, dass auch sie nur Beobachter seien, die nicht ins natürliche Geschehen eingreife - auch wenn das für unser menschliches Verständnis manchmal schwer zu ertragen ist. Auch Martin Hormann kennt diese zwiespältigen Gefühle. Wenn zum Beispiel ein Eichelhäher 50 junge Rauchschwalben tötet, dann mache ihn das einerseits traurig und wütend. Andererseits habe er auch große Achtung für den Raubvogel, dem es gelungen ist, so eine fette Beute zu machen.

"Ich bin auch sauer, wenn ein Eichelhäher 50 junge Rauchschwalben gefressen hat."
Martin Hormann, Experte für Schwarzstörche

Martin Hormann sagt, dass es wichtig sei, den großen Zusammenhang zu sehen. In der Natur sei eben vieles aufeinander abgestimmt, und wir sollten sie am besten in Ruhe lassen.

Übrigens: Dem verbliebenen Schwarzstorchküken scheint es sehr gut zu gehen, es wird ordentlich mit Fisch versorgt und bekommt viel Aufmerksamkeit von seinen Eltern.