Die gute Nachricht: Jedes Jahr sterben bei uns weniger Menschen im Straßenverkehr. Die schlechte: Bei den Radfahrer*innen bleiben die Zahlen auf hohem Niveau. Was sich ändern muss, damit Radfahren sicher wird, erklärt die erste Professorin für Radverkehrsmanagement in Deutschland.

Entspannt mit dem Rad durch die Stadt – für viele von uns ist das nach wie vor nicht möglich. Insgesamt werden die deutschen Straßen zwar sicherer, bei den Radfahrer*innen bleiben die Unfälle und Opferzahlen dagegen auf hohem Niveau: 2021 sind fast 15.000 von ihnen bei Unfällen schwer verletzt worden, gut 370 sind dabei ums Leben gekommen.

Infrastruktur für Räder nicht ideal

Wie kann man die unterschiedlichen Interessen auf der Straße besser leiten? Wie kann die Gefahr für Radfahrende geringer werden? Antworten auf diese Fragen sucht der 60. Verkehrsgerichtstag in Goslar vom 17. bis 19. August. Mit dabei ist auch Jana Kühl von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Ostfalia in Salzgitter. Dort hat sie die deutschlandweit erste Professur für Radverkehrsmanagement.

"Immer mehr Leute steigen aufs Fahrrad, und gleichzeitig geben die Infrastrukturen das nicht so richtig her."
Jana Kühl, Professorin für Radverkehrsmanagement

Nach wie vor seien die Infrastrukturen primär auf Effizienz und Störungsfreiheit des Kfz-Verkehrs ausgerichtet – sowohl auf den parkenden wie auch den fließenden. Radfahrende und Fußgänger*innen hätten demgegenüber häufig das Nachsehen: Radwege enden zum Beispiel abrupt oder sind gar nicht erst vorhanden. So komme es immer wieder zwangsläufig zu gefährlichen Begegnungen zwischen Autos und Radfahrenden.

Mehr, schnellere und größere Räder

Dadurch, dass der Radverkehr zunimmt – und zusätzlich Fahrräder mit höheren Geschwindigkeiten dazukommen wie Pedelecs und Lastenräder, die auch noch mehr Platz brauchen – wird es auf den Radwegen immer voller und enger.

Das Platzproblem sei insgesamt das größte, grundsätzlich gehe es dabei immer um die Frage der Priorisierung. Nötig sei eine Umkehr der Prioritäten zugunsten der verwundbaren Verkehrsteilnehmenden wie Radfahrende und Fußgänger*innen.

"Wir brauchen eine Umkehr der Prioritäten zugunsten der verwundbaren Verkehrsteilnehmenden."
Jana Kühl, Professorin für Radverkehrsmanagement

Eine Wende anzustoßen, sei schwierig, weil für viele Menschen immer noch das Auto das wichtigste Verkehrsmittel ist, sagt Jan Kühl. Zumindest sei aber etwas Bewegung in die festgefahrenen Einstellungen gekommen: Das Fahrrad als Verkehrsmittel werde zunehmend akzeptiert und ernst genommen.

Es gehe darum, einen Konsens zu finden, so die Radverkehrsmanagerin, der allen Verkehrsteilnehmenden mehr Sicherheit gewährleiste.

Getrennte Infrastrukturen für Autos und Räder

Deutschland kann hier noch dazulernen. International gibt es gute Beispiele: In den Niederlanden etwa wird flächendeckend für durchgängige und sichere Radverkehrsnetze gesorgt. Dort gibt es getrennte Infrastrukturen für den Auto- und Radverkehr.

Auch in Kopenhagen, der "Vorzeigestadt" oder "Fahrradstadt schlechthin", habe die Umkehr der Prioritäten in der Nahverkehrsplanung schon längst stattgefunden. Sehr konsequent sei die Förderung des Radfahrens dort vorangetrieben worden. Ergebnis: Dort macht es einfach Spaß und ist auch praktisch, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein.

"In Kopenhagen macht es Spaß und ist praktisch, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein."
Jana Kühl, Professorin für Radverkehrsmanagement

Bund, Länder und Kommunen haben sich ambitionierte Ziele zum Ausbau des Radverkehrs gesetzt – vor allem aus Klimaschutzgründen. Der "Nationale Radverkehrsplan" des Bundes sieht vor, die mit dem Rad zurückgelegten Kilometer in Deutschland bis 2030 zu verdoppeln – in Großstädten wie auch ländlichen Regionen. Mit Blick auf die CO2-Emission wäre interessant, wie viele Kilometer dadurch im Autoverkehr eingespart werden, sagt Jana Kühl.

In der Stadt sei das Rad meist die bessere Lösung als das Auto. Auf dem Land, wo es weniger Infrastrukturen gibt und die Wege länger sind, sei oft das Pedelec eine gute Wahl – auch für weitere Distanzen. Doch gebe es hier noch viel mehr Aufholbedarf: Vor allem die Anbindung an die nächste Ortschaft oder die nächstgrößere Stadt und an den Bahnhof müsse hier durch durchgängige, sichere Radwege gewährleist werden.