Seit ein paar Wochen streiken die Mitarbeitenden der Raffinerien und Benzindepots in Frankreich für mehr Gehalt – mit Auswirkungen aufs ganze Land. Nun soll es zu einer Teileinigung gekommen sein.

Was passiert, wenn das Benzin knapp ist? Die Bürger*innen Frankreichs können diese Frage beantworten: Es wird chaotisch. Rund ein Drittel der Tankstellen sitzt aktuell auf dem Trockenen, Lieferungen fallen aus, Menschen kommen aus schlecht angebundenen Regionen nicht zur Arbeit. Die Auswirkungen des fehlenden Benzins sind allgegenwertig. Grund ist ein seit Wochen anhaltender Streik von Mitarbeitenden bei sechs von sieben Raffinerien in Frankreich. Sie streiken für 10 Prozent Lohnerhöhung und eine Beteiligung am Gewinn ihres Arbeitgebers.

Teileinigung mit TotalEnergies – für manche Gewerkschaften nicht akzeptabel

Im Zentrum steht der Konzern TotalEnergies. In der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober kam es nun zu einer Teileinigung: Zwei von vier Gewerkschaften haben sich mit der Konzernspitze von TotalEnergies geeinigt. Das Angebot des Konzerns:

  • 7 Prozent mehr Lohn für das kommende Jahr und
  • eine Einmalzahlung von 3.000 bis 6000 Euro für jede*n Mitarbeitenden.
"Die CGT und FO, die beiden linken Gewerkschaften, wollen weiterstreiken."
Sabine Wachs, Dlf-Korrespondentin in Frankreich

Den beiden Gewerkschaften Confédération générale du travail (CGT) und Force ouvrière (FO) ist das aber zu wenig. Sie bestehen aufgrund der Inflation weiter auf eine Lohnerhöhung von 10 Prozent und wollen eine Gewinnbeteiligung an den Rekordgewinnen im ersten und zweiten Quartal dieses Jahres. Diese Gewerkschaften streiken also weiter. Das ist möglich, weil deren Mitglieder vor allem in der Produktion arbeiten und damit eine Verhandlungsmacht besitzen – ohne sie läuft der Laden nicht. Sie sorgen dafür, dass das Benzin aus der Raffinerie in die Depots kommt und von den Depots in die Tankstellen.

TotalEnergies: Milliarden Euro an Aktionäre ausgeschüttet

Die Streikenden fühlen sich nicht gehört: Sie sagen, sie haben bereits im Januar und Februar dieses Jahres um Verhandlungen gebeten. Wieder im April. Im Juni und Juli wurden jeweils für einen Tag Warnstreiks organisiert – ohne Ergebnis.

"Sie sagen: Wenn Total das alles kann, dann kann Total auch seinen Mitarbeitern ein bisschen von den Gewinnen abgeben."
Sabine Wachs, Dlf-Korrespondentin in Frankreich

Was sie stört: Konzernchef Patrick Jean Pouyanné hat sich eine Gehaltserhöhung von 51,7 Prozent gegeben. Zudem wurden Milliarden Euro an die Aktionäre ausgeschüttet. Zusätzlich hat TotalEnergies den Tankrabatt erhöht und zu den 30 Cent, die der französische Staat für jeden Liter Benzin dazugibt, noch mal 20 Cent für Verbraucher*innen aufgeschlagen. Daher sei die Haltung der Streikenden sehr klar, sagt unsere Korrespondentin: "Wenn der Konzern das alles kann, kann er uns auch am Gewinn teilhaben lassen."

Auswirkungen sind überall im Land spürbar

Die Auswirkungen der Streiks sind überall im Land spürbar: Es gibt Lieferschwierigkeiten bei Lebensmitteln, Pflegedienste können nicht mehr zu Patienten und Handwerksbetriebe nicht zu Kundinnen fahren. Alle Menschen, die auf das Auto in Frankreich angewiesen sind, suchen nach Tankstellen die noch Sprit zur Verfügung haben. Bei ihrer letzten Fahrt in Le Havre hat unsere Korrespondentin allein vier Tankstellen ohne Glück angefahren. Die fünfte hatte Benzin, bis zur Pumpe dauerte es aber über eine Stunde. Und irgendwann gab es auch an dieser Tankstelle kein Benzin mehr.

"Wir sind vier Tankstellen angefahren. Die fünfte hatte dann Benzin."
Sabine Wachs, Dlf-Korrespondentin in Frankreich

Für die Streikenden zeigen diese Zustände, dass ohne sie das System nicht funktioniert. Das sei ihr Gewicht, sagt Sabine Wachs. In der Verantwortung sehen die Streikenden aber ihre Konzernleitung in letzter Instanz, nicht die Streiks selbst.

Wie es die kommenden Tage und Wochen weitergeht, ist unklar. Einige Streiks wurden ausgesetzt, manche gehen weiter, unter anderem durch die Mitglieder der Gewerkschaften CGT und FO. Bei jedem Schichtwechsel müssen die Mitarbeitenden erneut für oder gegen einen Streik stimmen. An einigen Raffinerien wurde am 14. Oktober um 5 Uhr morgens entschieden, dass erst einmal nicht weitergestreikt werde. Andere haben das Streiken gewählt. Die nächste Schicht tritt in ein paar Stunden an – dann wird neu entschieden.

  • Moderation:  Diane Hielscher
  • Gesprächspartnerin:  Sabine Wachs, Dlf-Korrespondentin in Frankreich