Wenn wir ins Krankenhaus müssen, hoffen wir, gut versorgt zu werden. Doch die Versorgung ist nicht so einfach. Denn es fehlen Fachkräfte, die sich ausreichend um uns kümmern können. Das geht zu Lasten der Patienten und Patientinnen, zeigt eine Studie.

Infolge der Alterung der Gesellschaft in Deutschland werden dem Statistischen Bundesamt zufolge bis zum Jahr 2049 voraussichtlich zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen. Wie sich der Pflegenotstand auf die Versorgung von Patientinnen und Patienten auswirkt, hat eine Studie untersucht. Das Ergebnis: Fehlt es an Pflegepersonal, kann das Leben kosten. Die Studie hat dazu die Grenzregion zwischen Deutschland und der Schweiz näher betrachtet.

Überlastung im (Pflege-) Job

Vanessa arbeitet für einen ambulanten Pflegedienst in Kreuzlingen, das direkt an Konstanz grenzt, aber in der Schweiz liegt. Ihre Ausbildung hat sie im Klinikum Konstanz gemacht. Als sie 2021 abschließt, möchte sie eigentlich dortbleiben und in der Notaufnahme arbeiten.

Doch der Job ist für Vanessa extrem stressig – nicht nur, weil sie Menschen mit Herzinfarkt oder nach schweren Unfällen versorgen muss, sondern auch wegen der vielen Diskussionen mit Angehörigen über die Wartezeiten.

"In Deutschland war meine Hauptarbeit in der Notaufnahme die Diskussion, warum derjenige vielleicht vier Stunden warten musste und der andere sofort drankam."
Vanessa, arbeitet für einen ambulanten Pflegedienst in der Schweiz

Der körperliche und psychische Stress ist so groß, dass sich die Krankenpflegerin entscheidet, eine neue Stelle zu suchen. Diese findet sie nur wenige Kilometer entfernt, auf der anderen Seite der Grenze. Vanessa ist der Meinung, dass ihr Beruf in der Schweiz mehr Anerkennung findet als in Deutschland: "Ich habe hier selten, wenn überhaupt, Diskussionen. Und wenn doch, habe ich das Gefühl, dass die Leute wirklich dankbar sind für die Arbeit, die wir leisten."

Mehr Anerkennung und mehr Gehalt

Neben der Anerkennung für ihre Arbeit erhält sie in der Schweiz auch deutlich mehr Gehalt. Sie kann es sich leisten, nur noch 80 Prozent zu arbeiten und verdient trotzdem über 1.000 Euro mehr im Monat, erzählt die Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Vera Pache. Weil es so nah ist, kann sie weiterhin in Konstanz wohnen. Damit ist sie eine Grenzgängerin – sie pendelt für die Arbeit von Deutschland in die Schweiz.

Studie zu fehlenden Pflegekräften in Krankenhäusern

Diese spezielle Situation an der deutsch-schweizerischen Grenze bildet die Grundlage für die Studie, die den Mangel an Pflegepersonal in Krankenhäusern untersucht. Der Studienautor hat sich einen Zeitraum angesehen, in dem der Schweizer Franken besonders stark war – etwa um 2011 herum.

Mehr Pflegepersonal geht in die Schweiz

Die Daten zeigen, dass die Zahl der Grenzgänger in dieser Zeit stieg, da sich mehr Menschen aus Deutschland einen besser bezahlten Job in der Schweiz suchten – insbesondere Krankenpflegerinnen und -pfleger. Obwohl Vanessa erst nach dem Untersuchungszeitraum in die Schweiz ging, bleibt die Dynamik nach wie vor die gleiche, ist Vanessas Eindruck.

"Dadurch, dass die Leute das attraktiv finden, mehr zu verdienen, haben wir hier mehr Personal, was dann auch dazu führt, dass man besser besetzt ist."
Vanessa, arbeitet für einen ambulanten Pflegedienst in der Schweiz

In Deutschland ist die Situation genau umgekehrt, erklärt unsere Reporterin. Die Studie zeigt, dass die Krankenhäuser in der Grenzregion im untersuchten Zeitraum rund zwölf Prozent ihres Personals verlieren – im Vergleich zu anderen Kliniken in Deutschland.

Die offenen Stellen können nicht schnell genug neu besetzt werden, sodass die Krankenpfleger und -pflegerinnen, die noch auf den Stationen sind, deutlich mehr arbeiten müssen. Teilweise müssen sogar weniger dringende Operationen verschoben werden. All das geht zulasten der Patientinnen und Patienten.

"Laut der Studie war die Wahrscheinlichkeit, in einer grenznahen Klinik zu sterben, im untersuchten Zeitraum höher als im Inland – besonders für ältere Patienten und für Menschen, die einen Herzinfarkt hatten."
Vera Pache, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Die Zahlen sind Durchschnittswerte und beziehen sich auf den Zeitraum zwischen 2006 und 2017. Doch: Was sich in dieser kleinen Region besonders gut messen ließ, hat auch größere Aussagekraft. Denn die Rechnung ist überall die gleiche: Wo zu wenig Pflegepersonal ist, gibt es mehr Arbeit für diejenigen, die noch im Job sind – und das kann Leben kosten.

Selbstschutz steht an erster Stelle

Auch Vanessa wusste, dass ihre Entscheidung eine Lücke hinterlassen würde – zumindest kurzfristig – und mehr Arbeit für die, die bleiben. Sie sagt, sie hatte ein schlechtes Gewissen, steht aber nach wie vor hinter ihrer Entscheidung: "Weil der Beruf Teamarbeit ist und man mit den Kolleginnen und Kollegen sehr, sehr viel Zeit verbringt. Aber letztlich war die Belastung so groß, dass ich das irgendwann nicht mehr vertreten konnte. Und da war der Selbstschutz für mich einfach wichtiger."

Shownotes
Studie zeigt
Pflegenotstand kostet Menschenleben
vom 02. Februar 2026
Moderator: 
Christoph Sterz
Autorin: 
Vera Pache, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin