Am Anfang waren die Geisterspiele im Profifußball ungewohnt – für uns zuhause, aber vor allem für die Spieler auf dem Feld. Niemand da, der einen anfeuert. Eine neue Studie sagt jetzt: Auch die Schiedsrichter haben sich ohne Publikum anders verhalten.

5:2 hat Borussia Dortmund am vergangenen Wochenende (14.08.2021) gegen Frankfurt gewonnen – und das vor mal wieder 25.000 Fans im eigenen Stadion. Ein klassischer Heimsieg für den BVB, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Peter Neuhaus.

Während der Geisterspiele als eine Folge der Corona-Pandemie hatte sich das mit dem Heimvorteil – also dem Phänomen, dass Mannschaften im eigenen Stadion und vor den eigenen Fans häufiger gewinnen als auswärts – gelegt.

"In der Lockdown-Phase gab es deutlich weniger Heimsiege."
Peter Neuhaus, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Laut einer neuen Studie eines Neurowissenschaftlers und eines Psychologen der Uni Salzburg lag das aber nur indirekt an den fehlenden Fans. Sie fanden heraus, dass Schiedsrichter bei Geisterspielen die Heimmannschaft deutlich strenger bestraften als vor tobendem Publikum.

Weniger Heimsiege, mehr Auswärtssiege

Dafür haben die Forscher fast 1.300 Spiele aus europäischen Profi-Ligen wie der Bundesliga, der Premier League oder der La Liga analysiert. Untersucht hatten sie die Spiele der ablaufenden Saison und die der vorherigen Saison, die noch mit Publikum stattfand. Dabei zeigte sich: Fehlten die Fans, gab es nicht nur weniger Heimsiege sondern auch gleichzeitig mehr Auswärtssiege.

"Ohne Fans gab es deutlich weniger Heimsiege, gleichzeitig gewannen die Teams deutlich öfter auswärts."
Peter Neuhaus, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

In Zahlen: In der Saison mit Fans gab es in den untersuchten Ligen insgesamt 310 Heimsiege, in der Geisterspiel-Saison waren es nur noch 225 – also fast 18 Prozent weniger.

Schiedsrichter als entscheidender Faktor

Dass das an den fehlenden Fans lag, ist eine Sache. Das haben bereits vorherige Studien bewiesen, die zeigen, dass Heimspieler einen höheren Testosteronspiegel haben und deshalb manche Spieler mit den Fans im Rücken aggressiver spielen würden. Die Forscher aus Salzburg hatten auch die neutrale Instanz im Blick: die Schiedsrichter.

Sie konnten feststellen, dass diese in den Geisterspielen tendenziell mehr Fouls gepfiffen und mehr gelbe Karten an die Heimmannschaft verteilt hatten. Keine anfeuernden Fans und strengere Schiedsrichter – das schmälert den Heimvorteil also doppelt.

"Laut Studie wurden die Spieler der Gastgeber deutlich häufiger verwarnt als in den Spielen mit Publikum. Das schmälert natürlich den Heimvorteil."
Peter Neuhaus, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Eine Erklärung der Forscher dafür ist, dass sich Schiedsrichter bei Spielen vor Fans stärker unter Druck gesetzt fühlen und sich deshalb weniger trauen, die Heimmannschaft mit Karten zu bestrafen. Hierbei verweisen sie auf Studien über Gruppenzwang, der Menschen bei der Entscheidungsfindung manipulieren kann. Bei Geisterspielen dagegen würden sie weniger beeinflusst sein.

Leistungsdruck im Fußball - auch für Schiedsrichter

Da Geisterspiele für immer sicherlich keine Lösung sein werden, empfehlen die Forscher, dass Schiedsrichter mit Virtual Reality trainieren sollten. So könnten sie sich in einem virtuellen Stadion mit virtuellen, tobenden Menschenmassen besser auf die Realsituation vorbereiten. Denn der Leistungsdruck im Fußball sei in den letzen Jahren auch für die Schiedsrichter gewachsen.