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Wie schnell müssen wir Menschen die Erderwärmung aufhalten, damit es nicht zu einer Katastrophe kommt? Damit die Veränderung der Ökosysteme nicht mehr unkontrollierbar wird? Eine neue Studie sagt: Die Polkappen schmelzen bereits jetzt schneller als vorherberechnet.

Zur fortschreitenden Erderwärmung gibt es viele Berechnungen und Studien, auf die sich auch die großen internationalen Abkommen stützen, etwa die Pariser Klimaziele. Was all diese Rechnerei allerdings ziemlich unsicher macht, ist das, was Forschende die "Kippelemente" nennen: Ökosysteme, die ab einem bestimmten Punkt der Erwärmung eine von uns Menschen nicht mehr kontrollierbare Eigendynamik entwickeln.

Außer Kontrolle

Die (Horror-)Vision ist folgende: Wenn die Veränderung von Ökosystemen – etwa die schmelzenden Eispanzer an den Polkappen oder die Bewegungen der Meeresströme – erst mal eine gewisse Dynamik entwickelt hat, dann könnte es sein, dass das ganze System Erde "kippt". Dass also die Veränderungen so schnell werden, dass wir Menschen sie nur noch äußerst schwer beziehungsweise gar nicht mehr aufhalten können.

"Niklas Boers vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sagt: Die Eisschmelze eskaliert – schneller als vorherberechnet."
Nicola Reyk, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion

Eine neue Studie hat sich jetzt mit den Kippelementen beschäftigt, berichtet Nicola Reyk aus der Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion. Niklas Boers vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hat gerade in einer Fachzeitschrift seine Schlussfolgerungen aus einer Forscherreise zum westlichen Grönlandeisschild veröffentlicht. Er sagt: die Destabilisierung des ewigen Eises dort hat schon begonnen. Die Eisschmelze eskaliert – schneller als vorherberechnet.

Stand jetzt: 1,1 Grad Erderwärmung

Diese Möglichkeit ist zwar in die bisherigen Berechnungen eingeflossen – aber eher nur vage, sagt Nicola Reyk. Bisher seien die Forschenden von einer ziemlich großen Temperatur-Range ausgegangen, in der es zur Eskalation der Eisschmelze kommen könnte: von einer globalen Erwärmung zwischen 0,8 und 3,2 Grad im Vergleich zur Temperatur vor der industriellen Revolution.

"Die Studie sagt: 1,1 Grad reichen offenbar für eine beginnende Kippbewegung im Grönlandeis aus."
Nicola Reyk, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion

Im Moment sind wir schon bei 1,1 Grad angekommen. Nach der neuen PIK-Studie reicht das offenbar für eine beginnende Kippbewegung im Grönlandeis. Was das jetzt für den weiteren Verlauf der Eisschmelze heißt, wissen wir aber noch nicht, erklärt Nicola Reyk. Denn auch andere Ökosysteme spielen ja möglicherweise eine entscheidende Rolle: die Strömungen in den Ozeanen, aber auch die Austrocknung des Amazonas-Regenwaldes. Das alles kann sich gegenseitig verstärken – muss es aber nicht. Und in welchem Zeitraum das alles (vielleicht) passiert, ist noch schwerer vorherzusagen.

Mehr als 3.000 Simulationen

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat ein größeres Modellexperiment zum Verhalten der Kippelemente gestartet: mehr als 3.000 Simulationen, die die verschiedenen Systeme in Verbindung bringen. Am Ende haben die Forschenden eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Sie glauben nach ihren Simulationen eher nicht, dass es zu Weltuntergangsszenarien wie in Hollywoodfilmen kommen wird. Dass also etwa eine plötzliche neue Eiszeit anbricht oder sich die Erde in einen glühend heißen Feuerball verwandelt.

Aber – und das ist die schlechte Nachricht: Die negativen Folgen der Erderwärmung wie Dürre, Flächenbrände, Extremwetter, Anstieg des Meeresspielgels – all das kann sich durch den Domino-Effekt der Kippelemente schneller verschlimmern als bisher berechnet. Und: Zum Teil hat diese Negativ-Kaskade schon begonnen.