Seit Corona läuft an den Hochschulen vieles bis fast alles nur noch online. Auch die Prüfungen. Und anscheinend wird da ordentlich geschummelt aus – unterschiedlichen Gründen.

Mit der Coronapandemie hat sich auch das Studieren stark verändert. Zum Beispiel wurden an vielen Hochschulen Klausuren und Prüfungen aus Präsenz- in Onlineformate gewandelt. Aber bei diesen digitalen Tests wird anscheinend häufig geschummelt. Das ergibt eine Studie der Uni Mannheim (die Studie in englischer Sprache findet sich hier). Dafür wurden anonym und deutschlandweit 1600 Studierende befragt.

60 Prozent gaben zu, in einer oder mehreren Online-Prüfungen geschummelt zu haben. Als Schummeln zählt zum Beispiel, wenn Spickzettel oder sonstige unerlaubte Hilfsmittel benutzt wurden. Aber auch, wenn es Absprachen mit Kommiliton*innen gab, so unsere Reporterin Verena von Keitz.

Neue Online-Formate wegen Corona

Dass 60 Prozent schummeln, ist viel. Zu erklären ist das möglicherweise auch damit, dass zu Beginn der Pandemie manche Universitäten die Klausuren den Studierenden als Download zur Verfügung stellten. Die Studierenden sollten die Klausuren nach dem Herunterladen bearbeiten und anschließend hochladen. Solche neuen digitalen Formate führten wahrscheinlich zum verstärkten Schummeln, findet der Psychologe Stefan Janke der Uni Mannheim. Er leitete die Online-Befragung.

"Das ist in etwa damit vergleichbar, wenn ich mich vor einen großen Hörsaal stelle, die Klausur austeile und dann sage: 'Ich geh jetzt mal aus dem Raum, bitte betrügen Sie nicht.'"
Stefan Janke, pädagogischer Psychologe, Uni Mannheim

Universitäten und Fachhochschulen versuchten die Prüfungen zu kontrollieren, sagt Verena. Zum Beispiel, indem Klausuren per Videokonferenz geschrieben wurden. "Aber auch da gibt es Möglichkeiten zu schummeln", sagt Verena. Die Studierenden mussten zwar während der Prüfung Kamera und Ton einschalten, damit ersichtlich war, dass sie die Klausur alleine schreiben. Aber welche Folien und Notizen online genutzt wurden, das war für die Unis nicht ersichtlich.

Denn es war unmöglich, die Studierenden zu bitten, dass sie gleichzeitig ihren Bildschirm teilen. "Weil immer 20 bis 40 Studierende gleichzeitig im Video-Meeting waren. Die hätten dann gegenseitig lesen können, was sie schreiben", sagt Verena.

Wenn alle schummeln, dann ist es schwierig ehrlich zu sein

Dass viel betrogen wurde, lässt sich möglicherweise auch noch anders erklären: Vielen Studierenden war klar, dass Schummeln möglich ist. Sodass das Risiko bestand, dass man einen Nachteil hat, wenn man ehrlich bleibt, weil alle anderen betrügen. So empfand das eine Studentin, die anonym bleiben will. Sie hatte das Gefühl, dass alle schummeln werden und wollte nicht die einzige sein, die es nicht tut.

"Was einen vor allem unter Druck setzt, ist dass man natürlich weiß, dass eigentlich alle anderen auch schummeln. Weil es nun mal so einfach ist."
Studierende, die anonym bleiben möchte

Das Problem mit den Online-Prüfungen haben die Unis und Fachhochschulen natürlich auf dem Zettel. Eine Möglichkeit, das Schummeln zu unterbinden, sind zum Beispiel "Open Book Prüfungen", so Verena. "Bei denen darfst du alles an Hilfsmitteln verwenden. Also Lernaufzeichnungen, Internet, Fachbücher und so weiter." Über Open Book Klausuren haben wir bereits berichtet.

Für den Psychologen Stefan Janke geht es bei diesen Prüfungen auch darum, dass es nicht allein um reine Wissensabfrage geht, sondern Gelerntes anzuwenden – und neue Fragen zu entwickeln.

"Es bedarf hier tatsächlich auch Transfer und Anwendung. Das ist natürlich eine Herausforderung an die Prüfenden und die Prüflinge, weil ich neue Formen von Fragen entwickeln muss."
Stefan Janke, pädagogischer Psychologe, Uni Mannheim

Bei solchen Prüfungen spielt das Thema Schummeln offenbar ohnehin eine viel geringere Rolle, so Verena. "Frühere Studien haben gezeigt, dass viel mehr geschummelt wird, wenn nur reines Wissen abgefragt wird."

  • Moderator:  Thilo Jahn
  • Gesprächspartnerin:  Verena von Keitz, Deutschlandfunk Nova