Festivalgäste, die Drogen genommen haben und im Freien pinkeln, verunreinigen damit Flüsse. Dass könnte den Wassertieren und dem Ökosystem schaden, warnen Forschende.

Das Problem: Wenn Festivalbesucher*innen im Freien pinkeln, kann Urin ungefiltert ins Grundwasser und in Flüsse gelangen. Auch der Whitelake River im Südwesten Englands ist davon betroffen. Er fließt durch das Gelände, auf dem in der Regel jährlich das Glastonbury Festival stattfindet.

Britische Forschende um Dan Aberg von der Bangor University in Wales haben dort beachtliche Rückstände von MDMA, Kokain und anderen beliebten Drogen festgestellt. Das Setting der Untersuchung: Flussabwärts und flussaufwärts des Festivalgeländes und in einem benachbarten Fluss wurden Wasserproben auf beliebte Drogen getestet. Beide Flüsse wurden in den Wochen vor, während und nach dem Festival 2019 beprobt.

Aal auf Koks - nicht lustig, sondern gefährlich

Ergebnis: An allen Probeorten wurden Kokain, Benzoylecgonin und MDMA gefunden, im Whitelake River flussabwärts, also hinter dem Festivalgelände, deutlich erhöht - und zwar in dem Maße, dass die Forschenden Schäden für das Ökosystem befürchten. So könne die hohe Konzentration von Drogen den Europäischen Aal gefährden, eine seltenen und geschützten Art, die dort heimisch ist.

"Wenn Menschen Medikamente oder auch Drogen nehmen, werden diese verstoffwechselt. Ein Rest der Substanz wird immer über unseren Urin ausgeschieden."
Anna-Lena Kronsbein, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei

So etwas passiert nicht nur beim Glastonbury-Festival, erklärt unsere Reporterin Julia Polke. Überall in der Welt gelangen Rückstände von Drogen oder Medikamenten in die Gewässer - selbst über die Toiletten in Wohnungen, weil nicht alle Substanzen vollständig von den Klärwerken aufgefangen werden können.

Das kennt man auch aus Deutschland: Schon vor 16 Jahren, so Julia, haben Wissenschaftler*innen im Rhein erhebliche Mengen an Kokain und dessen Abbauprodukten nachgewiesen.

Drogenrückstände in Gewässern verändern Verhalten von Tieren

Und das kann sich eben auf das Verhalten der Tiere auswirken. Die Umwelttoxikologin Anna-Lena Kronsbein erforscht genau diesen Zusammenhang.

Wasserlebewesen sind anfälliger für Schadstoffe in ihrer Umgebung als Tiere, die an Land leben, erklärt sie. Denn sie nehmen die Drogenrückstände über die Haut, die Nahrung und die Kiemen auf. Und davon können sie auch schon mal high werden.

Fische können Suchtverhalten zeigen

Das klingt leider lustiger als es ist. Unsere Reporterin macht das am Beispiel einer Untersuchung in Tschechien deutlich, bei der Forschende herausfinden wollten, wie Forellen auf Crystal Meth reagieren. Sie konnten zeigen, dass die Tiere träger wurden, Suchtverhalten und Entzugserscheinungen aufwiesen.

"Tiere können durch MDMA – also Ecstasy – hyperaktiv werden oder Angstverlust haben und häufiger oberflächennähere Gewässerschichten aufsuchen, was das Bejagen einfacher macht.“
Anna-Lena Kronsbein, Umwelttoxikologin

Verändertes Verhalten bei den Wassertieren kann ernste Folgen haben, sagt die Umwelttoxikologin Anna-Lena Kronsbein. Sie beobachtet in ihrer Forschung, dass sich die Tiere dann größeren Gefahren aussetzen. So können Kontaminationen des Wassers beispielsweise das Schwimm- und Sexualverhalten der Tiere ändern. Oder Fische, die ihr natürliches Fluchtverhalten verlieren, können zu einer leichteren Beute für Jäger werden, erklärt sie.

Ganze Ökosysteme in Gefahr

Das Problem betrifft aber nicht "nur" einzelne Tiere, ergänzt unsere Reporterin, die Drogen könnten das gesamte Ökosystem in einem Gewässer beeinflussen. Wenn etwa unter Drogen die Nahrungs- und Partnersuche von Tieren nachlässt, kann deren Population abnehmen, womit für größere, jagende Arten wiederum weniger Beute verfügbar ist. Dadurch kann das biologische Gleichgewicht aus der Balance geraten. Und genau das ist auch eine der Sorgen der Forschenden aus Wales.

Mehr Klos und weniger Wildpinkeln

Die plädieren deshalb dafür, dass bei Festivals mehr Toiletten zur Verfügung gestellt werden. Und damit die Festivalbesucher die auch nutzen, empfehlen sie, die Menschen darüber aufzuklären, welche Wirkung das Wildpinkeln nach Drogenkonsum auf Wassertiere und Ökosysteme haben kann. Genau das empfiehlt auch Anna-Lena Kronsbein.

"Das kann man ganz einfach verhindern, indem man den Leuten erklärt, dass sie nicht in die Gewässer oder wildpinkeln sollen, sondern die angebotenen Toiletten benutzen."
Anna-Lena Kronsbein, Umwelttoxikologin

* Im Bild oben ist links das Glastonbury Festival 2019 zu sehen und rechts der bedrohte Europäische Aal.