Die Stimme unseres Moderators ist für sie weiß-gelb mit einem blauen Einfluss. Zara erlebt die Welt auf eine ganz eigene Art. Wir haben mit der jungen Synästherikerin gesprochen.

Menschen, die Töne sehen, Zahlen hören oder Wörter schmecken können: Was sich nach totalem Humbug anhört, heißt Synästhesie. Das ist keine Krankheit, sondern eine besondere Art der Wahrnehmung. Die funktioniert, indem alle Sinne der Synästhetikerinnen quasi Teamarbeit leisten. Sprich: Sie sehen die Dinge nicht nur, sondern schmecken, hören, riechen, tasten oder fühlen sie auch. Dabei sind alle Sinne beliebig miteinander kombinierbar und jede Synästhetikerin hat andere Assoziationen. Jedes Mal.

Wie diese Verknüpfungen im Gehirn entstehen, lässt sich wissenschaftlich noch nicht abschließend erklären. Forschende gehen davon aus, dass etwa 4 Prozent der Bevölkerung diese besondere Wahrnehmung haben – oft wissen Synästhetikerinnen nicht, dass sie anders sind.

Zara merkte, dass sie nicht "normal" ist

Zara hat eine ausgeprägte Farbsynästhesie: Stimmen, Gegenstände, alle Dinge haben für sie automatisch eine Farbe. Woher die Farben kommen, weiß sie nicht. Einen Einfluss darauf, welche Farben sie sieht, hat sie nicht, wie sie sagt. Die Stimme unseres Moderators könnte an einem anderen Tag beispielsweise lila-grün und nicht mehr weiß-gelb mit einem blauen Einfluss sein. Als Kind merkte Zara, dass sie anders sei, sie verstand aber nicht warum.

"Bis zu meinem zwölften Lebensjahr konnte ich mir nicht erklären, warum ich Dinge anders wahrnehme und kommuniziere als meine Mitmenschen."
Zara Secret, Synästhetikerin

Doch eines Tages änderte sich das radikal. Im Religionsunterricht habe die Lehrerin gefragt, was die weiße Friedenstaube symbolisieren würde. Zara verstand die Frage falsch, meldete sich und sagte: "Die Taube ist rot." Alle in ihrer Klasse fingen an zu lachen. Sie verstand nicht, warum. Denn: Zara sah, dass die Taube weiß ist, nahm sie aber gleichzeitig als rot wahr – für sie völlig selbstverständlich.

Eine andere Synästhetikerin erkannte, was los war

Ihre Lehrerin, selbst eine Synästhetikerin, habe sofort gewusst, was los sei, und stellte Zara Fragen wie: "Haben Buchstaben Farben? Haben Zahlen Charaktereigenschaften?" oder "Wo siehst du den Montag und den Freitag?". Diese Dinge, wie Tage, Kalendermonate und Jahre seien bei ihr räumlich angeordnet, antwortete ihr Zara. Die Lehrerin erklärte ihr, dass diese Art der Wahrnehmung einen Namen hat, und weihte die Eltern ein.

"Ab dem Moment, wo du einem Phänomen einen Begriff zuordnen kannst, kannst du dich selbst viel besser verstehen", sagt Zara. Seitdem könne sie auch begreifen, inwiefern sie anders wahrnehme als andere.

"Das ist ganz wichtig, weil man damit lebt, aber nicht versteht: Ab wann ist es für dein Gegenüber nicht mehr normal?"
Zara Secret, Synästhetikerin

Wenn andere von der Synästhesie von Zara erfahren, sagen viele Menschen oft: "Das müssen doch ganz schön viele Eindrücke sein, die da auf dich einprasseln!" Das ist etwas, das Zara nicht bestätigen kann. Denn: Sie kennt es nicht anders.

Fakten zu Synästhesie:

  • Die einzelnen Sinne von Synästhetikern sind miteinander verknüpft, sie haben deshalb eine andere Wahrnehmung. So können sie Dinge nicht nur sehen, sondern gleichzeitig auch schmecken, hören, riechen, tasten oder fühlen.
  • Synästhesie ist keine Krankheit, sondern ein angeborenes neurologisches Phänomen und kommt bei etwa 4 Prozent der Weltbevölkerung vor. Die synästhetischen Wahrnehmungen werden von den meisten Menschen als mühelos empfunden und sind in der Regel mit angenehmen Emotionen verknüpft. Synästhetikerinnen nehmen einfach mehr wahr.
  • Da Synästhesie keine Krankheit ist, gibt es auch keine Diagnose im klassischen Sinne. Allerdings können Synästhetikerinnen an Studien teilnehmen oder sich hier testen.