Syrien steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise: Armut und Hunger nehmen stetig zu. Seit neun Jahren herrscht Bürgerkrieg im Land. In Brüssel kommen deshalb heute (30. Juni) Vertreter und Vertreterinnen der EU und UN zusammen, um über Hilfen zu entscheiden. Doch in den vergangenen Jahren sind immer wieder Gelder an Syrien geflossen. Doch die Hilfen würden vom Regime vereinnahmt, sagt Journalistin und Syrien-Expertin Kristin Helberg. Die EU müsse endlich den Druck auf das Regime erhöhen.

Die syrische Währung sei in den vergangen Wochen nochmal abgerutscht, so Kristin Helberg. "Seit April hat die Währung um rund 70 Prozent an Wert verloren." Das bedeutet für die Menschen im Land, dass ihr Einkommen immer weniger wert ist. Am Ende des Monats bleibt ein Verdienst, der noch 15 bis 20 US-Dollar wert ist. Damit könne man keine Familie versorgen, sagt die Journalistin und Syrien-Expertin.

Über neun Millionen Menschen in Syrien haben nicht genug zu essen

Diese massive Wirtschaftskrise hat mehrere Gründe. Dazu zählt die Zerstörung des Landes durch den anhaltenden Krieg. Aber auch die grassierende Korruption. Das Regime und seine Vertreter seien korrupt, so Kristin Helberg. Das gelte auch für viele Geschäftsleute sowie für Milizen.

"Das Regime ist sehr korrupt. Auf allen Ebenen bereichern sich Regimevertreter immer wieder."
Kristin Helberg, Journalistin

Ein weiterer Grund ist die Wirtschaftskrise im Nachbarland Libanon. "Der Libanon ist die Lebensader für Syrien. Alle Geschäfte werden über Beirut getätigt", sagt Kristin Helberg. Und natürlich hat auch die Corona-Pandemie die Misere in Syrien nochmal verstärkt.

Zugleich führten die USA mit dem sogenannten Caesar-Act neue Sanktionen ein: Washington will den Druck auf das Regime erhöhen. "Alle Staaten und Unternehmen, die sich in Syrien engagieren wollen, werden mit Strafsanktionen bedroht", sagt die Journalistin.

Der Hunger wird immer größer

Laut Welternährungsprogramm haben etwa 9,3 Millionen Menschen in Syrien nicht genug zu essen. Im Land leben noch rund 15 Millionen Syrer und Syrerinnen. Eine Familie brauche etwa 120 US-Dollar im Monat, um sich mit den grundlegendsten Lebensmitteln und Waren zu versorgen, so die Welthungerhilfe. Doch wie ist das möglich, wenn der Verdienst nichts mehr wert ist und Jobs verloren gehen?

In den größeren Städten, so Kristin Helberg, würden die Menschen betteln. "Sie durchsuchen den Müll nach essbaren Sachen." In vielen Familien müssen Mahlzeiten ausfallen: Es reicht einfach nicht. Auf dem Land versuchen sich die Menschen selbst zu versorgen, indem sie Gemüse anbauen.

"Viele Familien lassen inzwischen Mahlzeiten ausfallen. Eben weil sie nicht mehrfach am Tag ihre Kinder versorgen können."
Kristin Helberg, Journalistin

Und viele Syrer und Syrerinnen melden sich bei den UN, um Hilfen zu erhalten. "Das haben 1,4 Millionen in den vergangenen sechs Monaten getan", sagt Kristin Helberg.

Doch was fehlt, ist eine echte Lösung. Konferenzen, um Syrien zu helfen, wie zurzeit in Brüssel, gibt es immer wieder. Doch: "Die syrische Bevölkerung leidet weiter. Sie wird zunehmend abhängig von der humanitären Hilfe."

Hinzu kommt, dass die Hilfen nicht immer jene erreichen, die sie dringend brauchen. Die UN-Hilfe werde vom Regime vereinnahmt, so Kristin Helberg. "Es ist Assad, der entscheidet, wem geholfen wird. Das heißt, wer loyal ist zum Regime, der bekommt Hilfe." Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die, die nicht loyal zu Präsident Assad sind, keine Hilfe erhalten.

Die EU müsse mehr Druck auf das Regime aufbauen. Immerhin werden zwei Drittel der humanitären Hilfe in Syrien durch die EU finanziert.

"Seit 2011 hat die EU 20 Milliarden Euro in die Hand genommen und über die UN nach Syrien überwiesen. Die EU muss anfangen, dieses Geld als Druckmitteln zu nutzen."
Kristin Helberg, Journalistin

Die EU müsse die Gelder an klare Bedingungen knüpfen, sodass die Hilfen bei denen ankommen, die sie brauchen. Der Moment, um korrupte Strukturen aufzubrechen, sei gut. Es gebe wieder mehr Proteste im Land. Außerdem sei auch Russland, das bislang das Regime unterstützt, mehr und mehr von der Misswirtschaft unter Präsident Assad genervt.